Hessens hochfliegender Traum

ERÖFFNUNG Bouffier hofft auf Rückenwind für neuen Airport - die Kritik nennt er "niederträchtig"

Weiche Landung: Ein Airbus A 319 der Fluggesellschaft Germania setzt am Donnerstag als erstes großes Flugzeug auf der 2500 Meter langen Landebahn in Kassel-Calden auf.

Die ersten Passagiere: Einchecken für den ersten regulären Flug nach Antalya.

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Knapp zwei Stunden dauert die Anreise aus der Mitte Hessens, die über die Autobahnen 5 und 7, eine Stadtrundfahrt durch Kassel und anschließend auf schmalen Wegen durch eine verschlafene Dorflandschaft führt. Da hatte es die politische Prominenz aus Wiesbaden einfacher, die von Frankfurt aus mit einem Airbus A 319 der Fluggesellschaft Germania zur Premiere anreiste - Flugzeit: 18 Minuten. Mit leichter Verspätung setzte die Maschine weich auf der neuen Piste zwischen Calden, Immenhausen, Grebenstein und Westuffeln auf. Das hatte nichts damit zu tun, dass der Pilot - wie im Flugzeug annonciert - versehentlich zunächst zum Konkurrenz-Flughafen Paderborn geflogen wäre, sondern mit einer Air-Namibia-Maschine, die das Gate in Frankfurt versperrte und den Start um gut 45 Minuten verzögerte. Der in eine Warnweste gekleidete fünfjährige Sten, Sohn eines Fluglotsen, geleitete den Airbus professionell zu seiner Parkposition.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) saß als einziger Prominenter nicht in der Maschine, sondern kam mit dem Auto. Da hatte er ausgiebig Gelegenheit, im Radio schon all die bösen Kommentare zu hören, die Deutschlands neuestem Regionalflughafen seit Tagen besonders heftig ins Gesicht wehen. Die Kritik empfinde er als "hämisch" und "niederträchtig", machte Festredner Bouffier vor Hunderten geladenen Gästen im Festzelt neben dem kurz zuvor gelandeten Airbus deutlich. Kritik von denen, "die immer und grundsätzlich gegen alles sind", könne man nicht gebrauchen, sagte der Regierungschef aus Gießen. Womit er den Beifall auf seiner Seite hatte, denn in dem VIP-Zelt waren nur solche Gäste, die nicht den leisesten Zweifel daran haben, dass der Flughafen Kassel-Calden eine "Erfolgsgeschichte" (Bouffier) wird.

Das ist er bislang nämlich nicht, sondern ein Millionen-Zuschussgeschäft, für das alljährlich die hessischen Steuerzahler aufkommen werden (siehe Bericht unten). Deshalb sind die Erwartungen des Ministerpräsidenten einstweilen nur ein hochfliegender Traum. Für Bouffier gibt es dennoch keine Alternative zum neuen Airport Kassel-Calden. Schließlich liege der Aiport in "einer der dynamischsten Regionen Deutschlands". Und es gehe dabei nicht nur um den Norden des Bundeslandes. "Eine starke Region Nordhessen ist im Interesse des ganzen Landes", sagte Bouffier. Optimistisch, dass der Flughafen eines Tages nicht mehr am Tropf der Steuerzahler hängen wird, macht den Regierungschef die Erwartung eines wachsenden Flugverkehrs. Die großen Flughäfen stießen in den kommenden Jahren an ihre Leistungsgrenzen. Darin liege die Chance kleiner Flughäfen wie Kassel-Calden. Das sehen viele Branchenkenner anders - nicht nur die von Bouffier gescholtenen Journalisten. Denn bei stagnierenden Passagierzahlen buhlen 43 regionale Airports in Deutschland um Reisende und Fluggesellschaften.

"Eine starke Region Nordhessen ist im Interesse des ganzen Landes"

Eric Heymann, Luftverkehrsexperte der Deutschen Bank, ist deshalb "skeptisch, ob sich Neu- und Ausbauten für die Eigentümer betriebswirtschaftlich lohnen und verkehrswirtschaftlich notwendig sind". Sollte Heymann Recht behalten und es in Kassel eine Bruchlandung geben, bekäme der Satz von Flughafen-Geschäftsführer Jörg Ries eine völlig neue Bedeutung. "Wir haben fertig", kommentierte er die Fertigstellung des Flughafens.


Weitere Fakten zum Flughafen finden Sie auf unserer "Blickpunkt"-Seite in der aktuellen Ausgabe Ihrer Tageszeitung (Freitag, 5. April).


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