Piste in der Pampa kostet Steuerzahler jährlich Millionen

KOSTEN-ANALYSE Bei 40 Starts und Landungen in der Woche ist Fluglärm das geringste Problem des neuen Airports in Nordhessen

Terminal des neuen Flughafens Kassel-Calden: Im Landeshaushalt 2013 ist ein Verlustausgleich für das Betriebsjahr 2012 in Höhe von 4,5 Millionen Euro vorgesehen.

Gut 40 Starts und Landungen sind in Kassel-Calden laut Flugplan bislang vorgesehen. Nicht pro Stunde, nicht am Tag, nein: in der Woche! Zum Vergleich: In Frankfurt sind es im Schnitt gut 1300 - pro Tag. Die 40 Kasseler Flüge in der Woche arbeitet der Frankfurter Airport also locker in weniger als einer Stunde ab. Zugegeben: Der Vergleich ist unfair, denn das Welt-Drehkreuz Frankfurt ist mit der nordhessischen Provinz selbstverständlich nicht vergleichbar.

Aber genau da liegt das Problem. Eigentlich sollte am heutigen Freitag ein Flug der türkischen Fluggesellschaft Tailwind von Calden aus nach Antalya starten. Doch es gab zu wenige Buchungen. Die sechs gebuchten Passagiere heben nun im 70 Kilometer entfernten Paderborn ab. So wie immer - nur, dass sie diesmal mit dem Taxi nach Paderborn kutschiert werden. Kassel ist praktisch von Flughäfen umzingelt: Paderborn, Magdeburg, Hannover, Frankfurt, um nur einige zu nennen. Kann sich da ein weiterer Flughafen rechnen?

Natürlich nicht. Und alle Beteiligten wissen das, vor allem die hessische Landesregierung. Mit Steuergeldern finanziert wurden nicht nur die Baukosten - von den verbauten 271 Millionen Euro zahlt das Land Hessen 233 Millionen. Teuer wird vor allem der Betrieb des Provinz-Airports werden: Im Landeshaushalt 2013 ist ein Verlustausgleich für das Betriebsjahr 2012 in Höhe von 4,5 Millionen Euro vorgesehen. Dass sich an der Bezuschussung des Flughafens aus Steuergeldern womöglich nie etwas ändern wird, kann man beim Blick über die hessische Landesgrenze nach Rheinland-Pfalz erahnen. Der dortige Flughafen Hahn kostete den Steuerzahler jüngst 120 Millionen Euro, um die Hunsrück-Variante einer Piste in der Pampa vor dem Aus zu retten. Gleichwohl hält Hessens Landesregierung es für möglich, dass Calden "frühestens in fünf Jahren" in der Gewinnzone fliegt.

Und sollte dies nicht der Fall sein, hat der Flughafen trotzdem sein Gutes - jedenfalls aus Sicht der schwarz-gelben Landesregierung. Für sie geht es um Wirtschaftsförderung im dünn besiedelten Norden des Bundeslandes, also um Arbeitsplätze, die die Flughafen-Investition nach sich ziehen soll.

Doch das ist einstweilen nur eine Hoffnung. Die von CDU-Ministerpräsident Roland Koch 1999 in Gang gesetzte Flughafen-Erweiterung in Kassel-Calden fällt in eine unglückliche Zeit für deutsche Regionalflughäfen. Etliche Regionalfluglinien haben in den vergangenen Jahren eine Bruchlandung hingelegt und einer der bekanntesten Billigflieger, Ryanair, nimmt gerade Kurs auf Frankfurt - statt auf die Hunsrück-Piste zwischen Hahn, Bärenbach, Lautzenhausen, Sohren und Büchenbeuren. Eine "komplette Fehlinvestition" nannte deshalb jüngst der Chef des Ferienfliegers Condor, Ralf Teckentrup, in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" den Kasseler Flughafen.

"Es gibt faktisch keine Belastung"

Da sprach nicht Hessens Grünen-Chef Tarek Al-Wazir, der aus Protest gegen die "Verschwendung von 271 Millionen Euro" der gestrigen Eröffnung fernblieb. Da sprach ein Branchenkenner.

Während die Grünen in der 2500 Meter langen Start- und Landebahn ein "Millionengrab" sehen, freuen sich viele Menschen in Nordhessen über womöglich neu entstehende Jobs. Diese sind, ob die angepeilten 640 000 Passagiere pro Jahr erreicht werden oder nicht, teuer erkauft: durch staatliche Dauersubventionierung. Für manchen Liberalen müsste das furchtbar nach Staatswirtschaft riechen, und doch gehört auch Hessens FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn zu den glühenden Verfechtern des nordhessischen Flughafen-Projekts. Und Hessens Finanzminister und Flughafen-Aufsichtsratsvorsitzender Thomas Schäfer (CDU) sieht für Kassel sogar gute Chancen, wenn in wenigen Jahren große Flughäfen an ihre Grenzen stießen. "Calden wird einer der ersten Regionalflughäfen sein, der für Linienverkehr von größeren Fluglinien wieder interessant werden wird", sagt Schäfer. Allerdings glaubt auch der Minister aus dem mittelhessischen Biedenkopf nicht daran, dass mit dem Flughafen viel Geld zu verdienen ist.

Bleibt ein Systemvorteil, den Kassel-Calden gegenüber Frankfurt eindeutig hat: Fluglärm ist gar kein Problem. Selbst Steffi Weinert von den "Bürgerinitiativen gegen den Aus/Neubau" sieht im Moment keinen Grund zur Sorge: "Es gibt faktisch keine Belastung."


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