Tiefenbacher fragen: "Was wird aus unseren Gärten?"

WOOLREC Anzeigen gegen drei RP-Kontrolleure

Fühlen sich nach einer Entwarnung mit Einschränkungen von der Behörde im Regen stehen gelassen: Tiefenbacher Bürger wollen wissen, was sie in ihren Gärten tun dürfen und was sie besser lassen, um ihre Gesundheit nicht weiter zu gefährden.

Über viele Jahre hat Krimhilde Christ in ihrem Garten unter anderem Salat und Zucchini angepflanzt. Damit muss nun Schluss sein. Das Grundstück grenzt direkt am Woolrec-Gelände.

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Drei Monate sind vergangen, seit die Entsorgungsfirma und Regierungspräsident Lars Witteck endgültig per Vertrag den "Deckel" auf die umstrittene Woolit-Produktion gemacht haben. Abgemacht ist, dass Woolrec bis zum Jahresende den geordneten Rückzug vollzogen und das Gelände sauber verlassen hat. Von der dafür notwendigen Grundsanierung ist bislang nicht einmal in Ansätzen etwas zu erkennen. Stattdessen sollen sich in der Produktionshalle die Dämmstoffabfälle bis an die Decke türmen. Groß ist deshalb bereits die Skepsis der Beobachter, dass der Zeitplan eingehalten wird.

RP-Kontrolleuren werden Missachtung und Versäumnisse vorgeworfen

In die gespannte Stille hinein platzten in der vergangenen Woche die Strafanzeigen einer Anwohnerin. Deren Garten liegt in nur 100 Meter Entfernung zum Woolrec-Gelände - in Hauptwindrichtung. Dem Grundstück hatte das Hessische Landesamt für Umwelt und Geologie (HLUG) in einem Gutachten die mit Abstand höchste Dioxin-Belastung in Tiefenbach sowie eine hohe Belastung mit Schwermetallen attestiert. Und von der Nutzung als Nutzgarten abgeraten.

Angezeigt sind zwei Herren und eine Dame, Mitarbeiter des für Woolrec zuständigen Dezernats in der Gießener Aufsichtsbehörde. Die Anwohnerin wirft ihnen Gesundheitsgefährdung, wenn nicht gar die bereits erfolgte Gesundheitsschädigungen ihrer Familie und ihr selbst vor. Obendrein Umweltverschmutzung - ein Verdacht, dem auch die Staatsanwaltschaft Limburg seit Monaten nachgeht. Das Verfahren dort zieht sich hin, die Ermittler warten weiter auf ein Gutachten, erklärt Sprecher Manfred Herrchen.

Zu den Schäden beigetragen oder diese sogar verursacht hätten die RP-Kontrolleure durch ihr Handeln beziehungsweise Nichthandeln, lautet der Vorwurf der Anwohnerin. Sie kreidet ihnen Missachtung und Versäumnisse an, unter anderem was ihre Fürsorge- und Schutzpflicht gegenüber der Bevölkerung und notwendige Kontrollen angeht. Stattdessen seien Missstände und Verstöße bei Woolrec geduldet worden.

"Großen Langmut" gegenüber der Entsorgungsfirma hatte auch der SPD-Landtagsabgeordnete Tobias Eckert dem RP Anfang des Jahres nach einer Akteneinsicht bescheinigt. Die Staatsanwaltschaft Gießen bestätigte, dass zumindest gegen einen der drei RP-Mitarbeiter Ermittlungen aufgenommen wurden.

Aber nicht nur die Suche nach den Verantwortlichen ihrer Misere beschäftigt die Tiefenbacher. Sie fordern endlich auch Antworten auf die Frage, was sie in ihren vergifteten Gärten noch dürfen und was sie tunlichst unterlassen sollten. Vor zweieinhalb Monaten bescheinigte ihnen das HLUG-Gutachten, dass Vorsorge- und Prüfwerte bei Schwermetallen auf ihren Grundstücken zum Teil überschritten sind. Dass aber kein akuter Handlungsbedarf bestehe. Gleichzeitig riet das Landesamt "vorsorglich" davon ab, Nutzgärten anzulegen. Mit diesen widersprüchlichen Angaben wurde die Bevölkerung bis zum heutigen Tag allein gelassen. Die vom RP versprochene Beratung blieb aus. Die Verunsicherung ist entsprechend riesig. Die Wut inzwischen auch. Etwa bei Ute Dietrich, die mit ihrer Tochter in einem Einfamilienhaus gegenüber von Woolrec wohnt: "In meinem Garten finden sich mehr Schwermetalle, Dioxine und weitere Gifte als auf jeder Sondermülldeponie. Dazu haben sich RP Gießen und Frau Puttrich in einer Form geäußert, die nicht nur dummdreist und menschenverachtend ist, sondern auch meine Intelligenz beleidigt."

In einem Doppelhaus, dessen Garten direkt an das Woolrec-Gelände grenzt, wohnt Familie Christ mit drei Generationen. Vom Gemüseanbau - Zucchini, Kartoffeln, Feldsalat und Mangold, so wie es die Christs über viele Jahre gemacht hatte, hat das HLUG abgeraten. Wegen eines "sehr hohen" Gehalts dioxinähnlichen PCBs.

"Jetzt mach’ ich mir Sorgen, was wir all die Jahre gegessen haben"

Krimhilde Christ (77): "Uns sagt keiner, was los ist. Dass das Gutachten fertig ist, haben wir nur aus der Zeitung erfahren und aus dem Radio. Vom RP Gießen hat sich bei uns noch keiner gemeldet." Und ihre Enkelin Catharina Christ meint: "Wir haben alles aus dem Garten zehn Jahre lang gegessen. Jetzt mach’ ich mir Sorgen, was wir da alles gegessen haben. Was sollen wir denn jetzt mit unserem Garten machen? Wir wissen ja gar nicht, wie sich das Gift jetzt abbaut. Uns sagt keiner was. Kann ich den Garten jemals wieder benutzen?"

Jutta Bouillon lebt mit ihrem Sohn Jean-Claude direkt unterhalb des Firmengeländes. Ehemann Peter ist vergangenes Jahr im Alter von nur 55 Jahren gestorben. Die Witwe ist wie viele Tiefenbacher sicher, dass Woolrec über Jahre das Dorf mit dem Staub von geschreddertem Giftmüll überzogen hat. Ein von den Bouillons 2008 privat in Auftrag gegebenes Gutachten bestätigte das: Im Staub im Haus und von Fensterbänken wurden auffällig hohe Anteile an künstlichen Mineralfasern gefunden. Jutta Boullion: "Im Gutachten (des HLUG) steht das ja auch, dass wir wahrscheinlich belastet sind mit Mineralfasern. Es muss endlich darauf untersucht werden. Aber vom RP Gießen meldet sich keiner bei uns. Und wenn wir hinschreiben, kriegen wir oft gar keine Antwort, oder erst viele Wochen später eine abwiegelnde oder eine nichtssagende Antwort." Und dann sagt die 51-Jährige: "Ich mache mir große Sorgen um unsere Gesundheit, wir hatten immer gesundheitliche Probleme - mit der Haut, mit den Augen und es brannte in der Kehle." Neue Angst überkomme sie beim Gedanken daran, wie viel Müll sich noch in der Halle befindet.

Auch Wendy Menz lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in unmittelbarer Woolrec-Nachbarschaft. "Man muss sich das mal richtig bewusst machen. Das RP Gießen hat uns immer erzählt, dass das absolut gefahrlos ist mit Woolrec. Da würde gar nichts frei, das sei alles harmlos", sagt sie. "Und jetzt steht im Gutachten, dass Woolrec der Grund ist, warum wir Schwermetalle und Dioxin und PCBs in unseren Gärten haben. Das ist doch Wahnsinn!"

Beim RP kann man die Kritik der Tiefenbacher nicht ganz nachvollziehen. Beschwerden lägen der Behörde so gut wie keine vor, sagte ein Sprecherin. Zwar habe es zu Beginn, also direkt nach Bekanntwerden des HLUG-Gutachtens, mit dem Beratungsangebot "urlaubsbedingt geklemmt", inzwischen aber seien erste Termine ausgemacht. Zuständig für die Beratung sei nicht das RP, sondern der Landesbetrieb Landwirtschaft in Kassel. Dorthin könnten sich besorgte Bürger wenden und Termine ausmachen. Auch das RP habe ein Interesse an einer möglichst zügigen Aufklärung, fügte die Sprecherin hinzu.


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Kommentare (6)
Auch mich packt die Wut, je mehr ich mir das ganze bewusst mache: Wenn das RP Gießen von Anfang an auf Dioxine,Schwermetalle und andere Gifte untersucht hätte und einige dort ihren Job ernster genommen hätten,dann wäre mehr
so eine Giftmüllfirma garantiert nie genehmigt worden. Aber dann ging es genauso weiter: Da wendet man sich jahrelang an die Mitarbeiter vom RP, die eigentlich genau aufpassen sollten, was passiert,und endlich mal genau kontrollieren sollten, und was haben die getan? Rotzfreche, arrogante Antworten gegeben. Uns alle für dumm verkauft. UNd alles einfach laufen lassen. Das ist eine Schande, eigentlich ist das sogar eine Schweinerei!
Der Bürger – Dein Feind! So scheinen Hessische Behörden, zumindest das Regierungspräsidium Gießen, zu denken. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, daß man die Tiefenbacher Bürger so im Stich lässt. Was ist der Behörde mehr
wichtig? Wohl kaum die im Text genannte Fürsorge- und Schutzpflicht gegenüber der Bevölkerung.
"Das RP kann die Kritik nicht nachvollziehen...und Beschwerden liegen so gut wie keine vor...". Es ist unglaublich wie diese Behörde mit uns Mitmenschen umgeht. Sie wollen nichts wissen, nichts hören, alles verdrängen mehr
und am besten sofort alles wieder vergessen, wenn das Wort Tiefenbach auftaucht. Und Fichtennadeln will das RP nicht untersuchen lassen, weil sie genau wissen wie verseucht alles ist. Und sie haben das alles zugelassen. Ich muß immer wieder an den Satz von Herrn Witteck denken, dass er uns ja immer ernst genommen hat. In Wirklichkeit sind wir ihm sowas von ...egal! Hauptsache sie können ihre eigene Haut retten. Ich hoffe sehr auf die Staatsanwaltschaft, auf Gerechtigkeit, Aufklärung und ein hoffentlich bald wieder lebenswertes Tiefenbach.
Es ist wirklich Zeit, dass jetzt die Staatsanwaltschaft ermittelt, was Mitarbeiter des RP jahrelang bei Woolrec gemacht haben: Nämlich weggeschaut!!! Hoffentlich kommt jetzt endlich die Wahrheit raus. Als Tiefenbacher mehr
bekommt man wirklich Wut, wenn man an die Vergangenheit denkt. Was wir alles erlebt haben an sogenannten Kontrollen, das kann man sich gar nicht vorstellen. Es ist deshalb auch gut, dass Herr Eckert Akteneinsicht beim RP Gießen genommen hat. Die Akten haben anscheinend genau das bestätigt, was wir erlebt haben. Diese Langmut vom RP gegenüber Woolrec kennen wir sehr gut! Dabei ist Langmut noch ein nettes Wort, man könnte auch ganz andere benutzen.
Wenn der Regierungspräsident wirklich interesse an einer Aufklärung hätte, warum weigert er sich dann beispielsweise, Fichtennadeln bei Woolrec auf Dioxine zu untersuchen? Weil dann das jahrelange wegsehen der Behörde mehr
bewiesen wäre? Warum lässt er zu, dass bei Woolrec gerade alles verscherbelt wird, wenn er doch noch 180000 Euro kassieren muss, die dem Steuerzahler die Entsorgung in Olfen gekostet hat? Interesse an Aufklärung sieht anders aus.
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