Wo der Schultheiß residierte

GESCHICHTE Das Haus gehört zu den schönsten in Brandoberndorf

Das Jagd- und Schultheißengebäude in Brandoberndorf.

Eines der beeindruckendsten ist das ehemalige Jagd- und Schultheißengebäude (Unterseite 12). Das Eckgebäude zeigt vier ungewöhnliche Brüstungsfelder, die vom Schultheißen Hans Michael Möser angebracht wurden. Inschriften auf den Balken, geschnitzter Eckständer, mit Zahnschnitt verzierte Gebälkhölzer an beiden Traufseiten und Strebenfiguren schmücken es.

Eine Inschrift auf dem Rähmbalken über dem Hüttenberger Hoftor weist darauf hin, dass "Anna Katharina und Anna Elisabeth" das eindrucksvolle Gebäude 1692 erbaut haben. Offensichtlich hat Möser das Gehöft 1695 übernommen.

Hans Michael Möser übernahm das 1692 erbaute Haus im Jahre 1695

Möser ist ein überaus interessanter und umtriebiger Mann seiner Zeit gewesen. 1670 erlernte er das Wagnerhandwerk. Als in einem heißen Sommer 1684 alle Bäche austrockneten und die Mühlräder stillstanden, nutzte Möser seine Erfahrungen als Wagner. Gemeinsam mit dem Zimmermann Johann Gail baute er oberhalb des Dorfes in Richtung Cleeberg eine Windmühle. 1688 errichtete er zudem am Rande des Bornbachs, mitten im Ort, die "Dorfmühle" als Ölmühle.

1685 setzten ihn die Besitzer der Cleeberger Grafschaft als Schultheißen in Brandoberndorf ein. Zum Gebiet dieses kleinen Ländchens zählten die Dörfer Cleeberg, Brandoberndorf, Ebersgöns und Oberkleen. Als Schultheiß hatte Möser dafür zu sorgen, dass die Anordnungen der Herrschaften durch die Leibeigenen im Dorf befolgt wurden.

Gleichzeitig beschäftigten die Mitbesitzer der Grafschaft - die Herrschaften von Leiningen-Westerburg (von 1298 bis 1716) - Hans Michael Möser als "Schützen". Für seine Tätigkeit als westerburgischer Jäger erhielt er jährlich 13 Gulden und etliches Wildbret.

Was er im Laufe eines Jahres in den Wäldern der Cleeberger Mitbesitzer fing oder schoss, wanderte in die Küchen der Herrschaften in Schadeck und Westerburg.

Wenn die Herrschaft selbst zur Jagd anreiste, versammelte sie sich anschließend zum vergnüglichen "Schüsseltreiben" im Saal des Jagd- und Schultheißengebäudes.

Die beiden ersten Brüstungsfelder am Gebäude verweisen auf die Tätigkeiten von Möser. Sie zeigen die Werkzeuge des Wagners.

Der Frankfurter Posthalter Ludwig Weber, der wegen seines Gesundheitszustandes "aufs Land zog", kaufte um 1900 das Haus. Bis 1911 betrieb er hier die "Kaiserliche Postagentur", die erste Poststelle im Dorf.


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