"Faust" ließ keinen Wunsch offen

"Ein-Mann-Theater" im Lottehof
Er hat seinen Faust immer im Griff gehabt: Schauspieler Detlef Heintze vom Staatstheater Weimar. (Foto: Deck)
Er hat seinen Faust immer im Griff gehabt: Schauspieler Detlef Heintze vom Staatstheater Weimar. (Foto: Deck)

Und dieser Beifall war redlich verdient, denn Heintze ist es gelungen, eine rund 90-minütige Inszenierung auf die Bühne zu bringen, die praktisch keinen Wunsch offen ließ. Intelligent und traditionsbewusst setzte er den urdeutschen Stoff in Szene - natürlich gestrafft und bei Verzicht auf Massenszenen wie die "Walpurgisnacht", was dem Vergnügen keinen Abbruch tat.

Im Gegenteil: Der Schauspieler arbeitete die Essenz von Goethes Stück "Faust. Der Tragödie erster Teil" heraus, um die notwendigen Rollen in erster Linie mit stimmlichen Mitteln und spartanischer Maskerade - ein Zwiegespräch zwischen Faust und Mephistopheles wurde kurzerhand durch das Tragen zweier Hüte illustriert - umzusetzen.

Anzeige

Nebenbei: Auch das Bellen des Pudels, in dessen Gestalt Mephisto dem Doktor zunächst erscheint, war zu vernehmen. Reiner Klamauk?

Nein, ein Fingerzeig auf die Gestalt der Inszenierung, die sehr volkstümlich daherkam und auf die Melancholie, die dem Titelhelden in Goethes Diktion zu eigen ist, weitgehend verzichtete. Faust erschien wie ein Getriebener, der immer wieder hart an der Grenze zur Raserei entlangschrammt und (wie Mephisto und Gretchen) durch Situationskomik Lacher auf seine Seite zieht. Kurzum: Heintze hat viel Witz und Derbheit auf die Bühne gebracht, was Goethes Stück keinesfalls widerspricht.

Ein Wort zur intelligenten Inszenierung: Sie ließ den historischen Kontext von Goethes Arbeit gekonnt aufleben, weil sie in der Volkstümlichkeit eine gewisse Werktreue bewahrt.

Heintze bringt viel Witz und Derbheit auf die Bühne

Denn: Als der spätere Geheimrat sich ab etwa 1770 mit Faust befasste, war der Doktor längst gut bekannt. Es hatte sich eine Traditionslinie entwickelt, die vom 1587 veröffentlichen deutschen Faustbuch "Historia von D. Johann Fausten" nach England zum etwa 1592 von Marlowe verfassten "Doctor Faustus"-Drama und von dort wieder zurück nach Deutschland zu Adaptionen des Volks- und Puppentheater entwickelte. In der Form dürfte Goethe den Stoff kennengelernt haben und es spricht für Heintzes Konzept, wenn er seine bisweilen fast burschikos daherkommende Inszenierung durch ihre Volkstümlichkeit in diese Linie einordnete.

Hut ab vor dieser dramaturgischen und schauspielerischen Leistung, die literaturhistorisch sehr versiert daherkam und den Gästen gleichzeitig großen Spaß gemacht hat. Übrigens: Es brauchte kaum fünf Minuten, bis die anfängliche Skepsis restlos verflogen war. Mehr noch: Selbst für versierte Goethekenner war der Abend ein Leckerbissen.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2012
Kommentare (0)
Mehr aus Lokale Kultur