Welt hört erstmals "Kaiser"

Für Hessentag will Wetzlar mit Oper Eigenes schaffen
Konzentriert: Wöchentlich probt das Wetzlarer Kammerorchester für die Weltpremiere beim Hessentag, rechts Ingrid Knell,
Konzentriert: Wöchentlich probt das Wetzlarer Kammerorchester für die Weltpremiere beim Hessentag, rechts Ingrid Knell, die auch für die Gesamtinszenierung verantwortlich ist. (Foto: Preisler)
Martin Knell übernimmt die musikalische Leitung des Opernprojekts für den Hessentag. (Foto: Preisler)
Martin Knell übernimmt die musikalische Leitung des Opernprojekts für den Hessentag. (Foto: Preisler)
Jörg Ludwig vom Vorstand des Wetzlarer Kammerorchesters schlüpft stellvertretend in das Kostüm des Erzbischofs. Die Solo
Jörg Ludwig vom Vorstand des Wetzlarer Kammerorchesters schlüpft stellvertretend in das Kostüm des Erzbischofs. Die Solopartien werden bei der Aufführung selbst von Profis deutscher Opernbühnen gesungen. (Foto: Lademann)
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Ingrid Knell inszeniert das eineinhalbstündige Mysterienspiel um den falschen Kaiser für Orchester, Solisten und Chöre mit ihrem Mann Martin Knell als musikalischem Leiter, um "etwas ganz Eigenes für und aus Wetzlar zu schaffen".

Ursprünglich sollte die Oper Ende der 60er Jahre für das ZDF produziert werden: Doch finanzielle Probleme verhinderten das. Diesmal wird die Welturaufführung ehrenamtlich gestemmt, aber von professionellen Musikern verstärkt: Für die sechs Hauptrollen sind Opernsänger deutscher Bühnen engagiert. Das Kammerorchester hat mit solchem Zusammenspiel gute Erfahrungen. Nach dem gleichen Muster funktionieren alle zwei Jahre die Mozart-Opern auf dem Altenberg.

Für die - wie Oberbürgermeister Wolfram Dette lobt - sehr ambitionierte Hessentagspremiere proben schon seit Oktober insgesamt 110 Instrumentalisten und Sänger.

Die Bühne für sie im Dom wird als Stufen-Pyramide über dem Altar aufgebaut, um gute Akustik und Sicht für viele Besucher zu bieten.

Wer zum mittelhessischen Projektchor für die Uraufführung gehören wollte, brauchte eine Empfehlung. Einstudiert wird mit Jochen Stankewitz. "Jeder der kommt, muss die Chorpartien schon können", erklärt Martin Knell. Denn die Schlemmsche Tonsprache der gemäßigten Moderne, mit spätromantischen Einschlägen sei "sehr, sehr anspruchsvoll" und mit vielen Halbtönen gespickt. Dass die Musiker ihre Zuhörer dafür mit monumentalen Klängen inklusive Gänsehaut belohnen, deuten schon die wöchentlichen Proben des Kammerorchesters in der Goetheschule an. Es sind Töne, die vielleicht an Mahler oder Hindemith erinnern, aber doch stets den ganz eigenen Charakter bewahren. "Je älter ich werde, desto mehr empfinde ich Hochachtung und Spaß an moderner Musik", bekennt die 70-jährige Ingrid Knell.

Finanzielle Unterstützung für das lokalhistorisch wie musikalische Bürgerprojekt des Hessentags kommt von der Bürgerstiftung Wetzlar als Hauptsponsor. Die Stadt ist mit 10 000 Euro beteiligt. Ein Drittel der Gesamtkosten "im höheren fünfstelligen Bereich" soll der Eintritt decken.

Geschrieben hatte Gustav Schlemm die Partitur für den "Kaiser" 1967 in nur vier Monaten. "Das ist Wahnsinn", kann Ingrid Knell das Tempo angesichts des komplexen Werks auf 190 Seiten kaum fassen.

110 Musiker proben seit fünf Monaten für einmaliges Erlebnis im Dom

Warum es trotzdem gelungen ist, weiß Witwe Gudrun Schlemm jedoch genau. "Mein Mann hat immer pünktlich morgens von 9 bis 12 Uhr gearbeitet, dann gab es Essen und er hat bis 15 Uhr geruht, bis 18 Uhr ging es mit dem Komponieren weiter", erinnert sich die 86-Jährige. "Dabei hatte er die Zigarre im Mund, gezogen hat er daran aber nicht." Entstanden sind so über 200 Werke, darunter Oratorien und Sinfonieren, aber genauso Musik für Filme und Eisrevuen.

Als das Ehepaar Knell aber auf die Noten der einzigen Oper zurückgreifen wollte, war Durchhaltevermögen gefragt.

Mit Weggefährten stellte Schlemms Witwe zunächst das Haus in Wetzlar auf den Kopf - doch vom "Kaiser" keine Spur. "Wenn mein Mann etwas abgeschlossen hatte, interessierte es ihn nicht mehr so sehr", erzählt Gudrun Schlemm und lacht. Viele Telefonate später führte die Spur für die Knells dann nach Berlin. Dort, im Archiv beim Musikverlag Ries und Erler, schlummerte das Wetzlarer Opernwerk über die Jahrzehnte.

Doch nicht alle Partien waren schon gedruckt. "Die Bläserstimmen mussten extra für uns gestochen werden", erzählt Ingrid Knell vom nicht ganz einfachen Weg zu einer Weltpremiere. Für andere Instrumente schrieben die Wetzlarer Musiker die Noten sogar selbst per Hand heraus.

"Gerade weil es eine Nische ist, hat die Aufführung eine Chance. Das Werk stimmt, besteht gegen den Mainstream, ist nicht austauschbar", ist die Ärztin im Ruhestand und Streicherin im Orchester vom Erfolg der Uraufführung überzeugt. Und sie wirbt dafür ganz bewusst auch um die Jugendlichen. "Für sie gibt es die Karten deshalb zum Kinopreis."

Der Vorverkauf: Eintrittskarten für die Uraufführung von "Der Kaiser" am 31. Mai um 21 Uhr im Dom verkauft Klassik Knell (Hofstatt) in Wetzlar: (06441) 47212. Tickets können dort auch reserviert werden. Im Angebot sind nummerierte Sitzplätze in drei Kategorien für 20, 35 und 50 Euro. Karten für Schüler und Studenten kosten zehn Euro. Hörplätze sind für fünf Euro zu haben. Die Zahl der Sitzplätze ist auf 450 begrenzt.


Wetzlarer Komponist: Gustav Schlemm Gustav Adolf Schlemm (geboren 17. Juni 1902 in Gießen, gestorben 12. Juli 1987 in Wetzlar) absolvierte zunächst eine kaufmännische Lehre und studierte  von 1918 bis 1923 Musik am Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt. Nach einem  Engagement an das Opernhaus in Königsberg, ging er als Dirigent an das Theater der Stadt Münster. Von 1929 bis 1931 war er Städtischer Musikdirektor in Herford. Danach wechselte er als Chefdirigent an das Landestheater in Meiningen, wurde dort aber entlassen, weil er jüdische Komponisten spielte. Zwischen 1933 und 1935 schlug er sich mit Gelegenheitsarbeiten für  Rundfunksender durch. 1935 verpflichtete ihn der Sender Hamburg. Danach widmete er sich zunehmend kompositorischem Schaffen, auch für Filmmusik.   Nach Kriegsende zog es  Schlemm, mit Unterbrechungen, nach Wetzlar. Dort gründete er die Singakademie und das Symphonieorchester. 1970 erhielt er das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.


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