Brian Wilsons Solo-Karriere in 73 «Playback»-Minuten

Pop-Genie
Brian Wilson
Brian Wilson hat eine Menge Höhen und Tiefen hinter sich. Foto: Cyril Zingaro

Der Reiz des von Rhino/Warner zusammengestellten Albums besteht wohl darin, in nur gut einer Stunde 16 Highlights aus den neun Soloalben seit «Brian Wilson» (1988) sowie zwei neue (eher unspektakuläre) Lieder wie funkelnde Perlen an einer Schnur zu hören. Dabei lässt sich auch über die kurvenreiche Laufbahn eines der begnadetsten Songschreiber der Pop-Geschichte nachsinnen. Mit leisem Bedauern, dass dieser inzwischen 75 Jahre alte Musiker wegen massiver psychischer und Drogen-Probleme nur mit großen Unterbrechungen wirklich selbstbestimmt und kreativ war.

Die besten Lieder des Solo-Schaffens von Brian Wilson sind denn auch bezeichnenderweise jene, die er Ende der 60er eigentlich für das legendäre, weil lange verschollene Beach-Boys-Album «Smile» geschrieben hatte. 2004 brachte er dieses epochale Meisterwerk dann doch noch heraus - unter eigenem Namen und mit einer ihm liebevoll ergebenen Studioband, die den orchestralen «Smile»-Sound besser hinbekam als es knapp 40 Jahre zuvor möglich war.

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Die daraus entnommenen Tracks «Surf's Up» und «Heroes And Villains» sind große, ewige Pop-Kunst. Wilson erhielt für «Smile» den Grammmy - eine späte Genugtuung für diese wohl zu zarte Künstlerseele. Hier war er wieder auf Augenhöhe mit den Beatles, seinen ewigen, gleichwohl sehr geschätzten Konkurrenten aus Beach-Boys-Hochzeiten. (Heißer Tipp am Rande: «Smile» mal wieder in ganzer Pracht hören, es lohnt sich!)

Spätere Lieder wie das herrliche «Melt Away», das versponnene achtminütige Western-Epos «Rio Grande» oder «Love And Mercy» (alle 1988), auch «Cry» und «Lay Down Burden» (beide 1998) oder «Gettin' In Over My Head» (2004) beweisen, dass die kalifornische Ikone des Sunshine-Pop immer wieder zu feinen Kompositionen in der Lage war. Die zwiespältigen, weil arg kitschnahen Hommage-Alben für George Gershwin (2010) und Disney-Filmsongs (2011) werden mit je einem Titel zu Recht kurz abgehandelt. Der Konzertmitschnitt «Live At The Roxy Theater» ist mit zwei Aufnahmen vertreten.

Die aktuellen Lieder «Some Sweet Day» und «Run James Run» - nun gut, Paul McCartney schreibt heutzutage schließlich auch kein «Yesterday» mehr. Stimmlich klingt Wilson aber recht fit, das war in den vergangenen drei Jahrzehnten vor allem live nicht immer so. Die Booklet-Beilagen zu «Playback» fallen mit dreiseitigen Liner-Notes und einigen wenigen raren Fotos mager aus. Vielleicht gönnt irgendjemand dem Solo-Werk des Popgenies Brian Wilson ja irgendwann doch noch die verdiente große Boxset-Würdigung.

Website Brian Wilson


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