Ein Rekord-Turm steht im Urwald

UMWELT Über den Baumwipfeln wollen Forscher den Klimageheimnissen auf die Spur kommen

"Fakten sind das A und O": Reiner Ditz vom Max-Planck-Institut Mainz auf dem 325 Meter hohen Atto-Forschungsturm. (Foto: dpa)

Der Unterschied zwischen den deutschen und den brasilianischen Turm-Pionieren springt sofort ins Ohr. Während drei Wissenschaftler aus Mainz konzentriert und still Edelstahlrohre zur Messung von Mini-Luftpartikeln zusammenschrauben, schlurfen drei brasilianische Arbeiter heran - eine halbe Stunde zu spät und mit Musik. Aus dem Smartphone dröhnen Sambaklänge, die die Urwaldgeräusche locker übertönen. Hinter ihnen, mitten im Regenwald, ragt ein orange-weißes Bauwerk 325 Meter steil in den Himmel empor.

Das Amazon Tall Tower Observatory, kurz Atto, ist der weltweit bisher höchste Klima-Messturm, höher als der Eiffelturm. Der Stahl-Gigant soll mit seinen Daten helfen, dass die Menschheit die richtigen Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel ergreift.

Als einer der Arbeiter mit einem Stemmeisen an einem empfindlichen Edelstahlrohr bohren will, treibt das Christopher Pöhlker noch mehr Schweißperlen auf die Stirn, als es die feuchte Hitze ohnehin tut. Der Forscher vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz hat keine leichte Aufgabe: Er soll, rund 9000 Kilometer von der Heimat entfernt, das bisher einmalige Projekt fertigstellen helfen.

Deutsche und Brasilianer betreiben es gemeinsam. Der Stahlturm, der weit über das grüne Dach der Amazonaswälder ragt, wurde bereits im August 2015 eröffnet. Aber erst jetzt wird er betriebsbereit gemacht. Wegen bürokratischer Hürden, Geräten, die im Zoll festhingen, und einem Regierungswechsel in Brasilien gab es viele Verzögerungen. Derzeit machen Meteorologen und Chemiker von zwei Max-Planck-Instituten (MPI) in Mainz und Jena Dutzende Leitungen zum Ansaugen von Treibhausgasen und Feinstaubpartikeln am Turm startklar.

Der Regenwald stabilisiert das Klima der Erde. Das ist im Groben klar. Doch wie genau dort Wald, Wolken, Winde, Niederschlag und die Miniteilchen in der Luft zusammenhängen, welche Veränderungen durch Treibhausgase entstehen, gibt noch manches Rätsel auf. Für den Klimaschutz und bessere Prognosen zu Erderwärmung müssen sie gelöst werden. Die Messgeräte sollen in verschiedenen Höhen Daten sammeln zum Wandel der Prozesse im Regenwald, zur Kohlendioxid-Konzentration in den Luftmassen. Es geht bei Atto um Millionen von Daten - und darum, eine profunde Basis für die Weltklimaberichte zu liefern.

Dafür ist es so wichtig, dass der Turm fernab von menschlichen Einflüssen durch Autoverkehr und Industrie steht. Acht Millionen Euro hat das Projekt bisher gekostet - zur Hälfte vom deutschen und brasilianischen Forschungsministerium finanziert. Weil Atto so hoch ist, kann man mit ihm die Atmosphäre über eine Fläche von 700 Kilometern Länge und 550 Kilometer Breite analysieren. Für das Weltklima gilt die Amazonasregion als entscheidendes Kipp-Element - es ist auch hier schon weit trockener als früher.

Trump bezeichnete den Klimawandel mal als eine Erfindung der Chinesen

Gerade erst ist der Pariser Weltklimavertrag in Kraft getreten. Darin verpflichten sich die Länder, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Die USA haben das Abkommen zwar ratifiziert. Doch der künftige Präsident Donald Trump bezeichnete den Klimawandel mal als eine Erfindung der Chinesen, um der US-Industrie zu schaden. Wenn er den Vertrag ausbremst, könnten weitere Staaten folgen. Schon jetzt nimmt der Regenwald in Brasilien durch Abholzungen weiter ab. 2014/2015 wurden in dem Land fast 6000 Quadratkilometer abgeholzt, das entspricht der 6,5-fachen Größe Berlins. Treiber sind die steigende Rinderzucht, um den Fleischhunger zu stillen, und der Sojaanbau.

Atto-Projektmanager Reiner Ditz aus Mainz betont, wie wichtig diese auf Jahrzehnte angelegte Forschung ist: "Fakten sind das A und O. Wir von der wissenschaftlichen Seite würden nie mit emotionalen Argumenten hantieren." Inwieweit die Politik am Ende zuhöre und welche Entscheidungen sie treffe, stehe auf einem anderen Blatt.

Christopher Pöhlker (33) ist in Mainz Gruppenleiter für Aerosol-Messungen. Gerade muss er die teuren, sensiblen Rohre mit riesigen Schlüsseln so zusammenschrauben, dass später kein Staubkorn eindringt. Am Fuß des Turms stehen drei Spezialcontainer - Stückpreis: 55 000 Euro, in denen künftig die Partikel und die über andere Leitungen angesaugten Treibhausgase analysiert werden. Jeden Tag werden dann alle Daten per Satellit nach Mainz übertragen, das kostet allein 1600 Euro im Monat.

Die Wissenschaftlercrew, rund 30 Mann stark, hat dabei immer wieder mit Widrigkeiten zu kämpfen: Der Boden eines Laborcontainers wurde von Termiten zerfressen. Das feuchte Klima verkürzt die Lebensdauer der teuren Instrumente. Und ein Jaguar attackierte jüngst den Wachhund ihres Camps.

Pöhlker verfolgte im Atto-Camp am 8. November auch den US-Wahlabend. Als sich abzeichnete, dass Donald Trump das Rennen machen würde, trank er erstmal einen Cachaça-Schnaps. Aber die Atto-Crew spornt der Wahlausgang eher noch an. Denn jenseits aller Debatten über Wahrheit und Lüge in der Klimafrage haben sie hier nun ein weltweit einmaliges Faktenerhebungsinstrument auf ihrer Seite, das majestätisch den Amazonas-Regenwald überragt. (dpa)


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