Salz: "Phantom der Wissenschaft"

GESUNDHEIT Um die Auswirkungen von Kochsalz auf den Menschen wird gestritten

Noch nie habe sich der Mensch so sehr mit seinem Salzkonsum auseinandergesetzt wie heute, meint Mediziner Karl-Ludwig Resch, Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Gesundheitsforschung in Bad Elster. Doch selten sind die Ergebnisse so eindeutig wie viele es gerne hätten. In der Wissenschaft wird leidenschaftlich und nicht immer sachlich um die Auswirkungen von Kochsalz - Natriumchlorid, kurz NaCl - auf den Menschen gestritten.

Mitte März brachte ein deutsch-amerikanisches Forscherteam neuen Schwung in die Debatte: Es entdeckte einen möglichen Nutzen von überschüssigem Salz im Körper.

Bekannt war bereits: Isst der Mensch zu viel Salz, speichert die Haut diesen Überschuss. Nur, warum? Die Forscher erkannten nun, dass sich das Natrium aus dem NaCl sowohl bei Menschen als auch bei Mäusen um Wunden herum anreicherte. Bei den Nagern konnten sie zeigen, dass Salz die lokale Immunabwehr stärkte. "Mit dem Salzspeicher ist die Haut in der Lage, sich gegen Infektionserreger zu schützen", erklärt Jonathan Jantsch von der Universität Regensburg, einer der Studienautoren. Das Salz aktiviere die Fresszellen, die Krankheitserreger vernichten, schreiben die Forscher im Fachjournal "Cell Metabolism". Ein Freifahrtschein für hemmungslosen Salzkonsum sei das Ergebnis nicht, warnt Jantsch. "Wer viel Salz zu sich nimmt, läuft weiterhin Gefahr, herz- oder gefäßkrank zu werden."

Jeder Mensch hat etwa 200 Gramm Salz in seinem Körper

Das Salz für alle möglichen Körperfunktionen wichtig ist, ist unbestritten. Ohne Natriumchlorid wäre der Mensch nicht überlebensfähig. Die Flüssigkeits- und Nährstoffbalance in den menschlichen Zellen würde durcheinandergeraten, der Stoffwechsel wäre gestört. Deshalb hat jeder Mensch etwa 200 Gramm Salz in seinem Körper. Das lässt sich auch schmecken, etwa in Tränen oder Schweiß.

Wie wichtig Salz für Lebewesen ist, zeigt sich auch bei Tieren. "Natrium ist der einzige Stoff, bei dem Tiere selbst merken, dass sie einen Mangel haben und gezielt versuchen, den auszugleichen", erklärt Hubert Spiekers, Leiter des Instituts für Tierernährung und Futterwirtschaft bei der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft.

Doch wie viel NaCl ist gut für den Menschen? Für Mediziner Resch besteht da noch viel Forschungsbedarf. "Es gibt keine Studie, aus der sich zuverlässig schließen lässt, dass Salzkonsum schädlich ist", meint er. "Salz ist wissenschaftlich gesehen immer noch ein Phantom." Die Weltgesundheitsorganisation WHO ist sicher: Mit einem reduzierten Salzkonsum könnten das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle gesenkt und Millionen Menschenleben gerettet werden. Derzeit nimmt ein Mensch durchschnittlich zehn Gramm Salz pro Tag zu sich - etwa doppelt so viel wie von der WHO empfohlen.

Gerade kranken Menschen könnten die Forschungsergebnisse von Jantsch und seinen Kollegen langfristig nützen. Sie wollen nun herausfinden, wie die Speicherung von Salz in der Haut abläuft. "Bluthochdruck-Patienten und ältere Menschen lagern vermehrt Salz ein", erklärt Jantsch. "Wenn wir herausfinden, wie die Mechanismen beim Speichern funktionieren, könnten wir den Vorgang vielleicht beeinflussen und irgendwann dafür sorgen, dass überflüssiges Salz wieder weggeschafft wird." (dpa)


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2015
Kommentare (0)
Mehr aus Nachrichten aus der Wissenschaft