Wann hilft Emotionale Intelligenz?

KARRIERE Wissenschaftlerin: Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen, wird überschätzt

Emotionale Intelligenz ist nicht entscheidend für Erfolg: Myriam Bechtoldt. (Foto: Frankfurt School of Finance and Management)

Es gebe keine Daten, die belegen, dass Emotionale Intelligenz ein entscheidender Karrierefaktor sei, sagt die Professorin für Organizational Behavior an der Frankfurt School of Finance and Management. Emotionale Intelligenz ist einer ihrer Forschungsschwerpunkte.

Was ist eigentlich Emotionale Intelligenz?

Myriam Bechtholdt: Emotionale Intelligenz hat drei Komponenten. Da ist einmal die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen: Man betritt einen Raum und spürt sofort, hier ist gerade etwas passiert, das offensichtlich nicht positiv war. Die Frage ist dann, ob man in der Lage ist, mit den Emotionen zielgerichtet umzugehen, also beispielsweise die Stimmung positiv zu beeinflussen. Dann besitzt man die Fähigkeit, Emotionen zu regulieren, eine weitere Komponente. Die dritte ist das Wissen darüber, was Emotionen sind - was beispielsweise Eifersucht bedeutet -, bei welchen Anlässen sie entstehen und welche Reaktionen sie hervorrufen. Dieses Wissen hilft, Emotionen regulieren zu können.

Ist Emotionale Intelligenz etwas Gutes?

Bechtholdt: Sie ist erst einmal ein Werkzeug, das auch zu etwas Negativem eingesetzt werden könnte. Es ist deshalb nicht so, dass die Welt durch Emotionale Intelligenz automatisch besser wird. Man kann sie zum Beispiel auch benutzen, um andere zu manipulieren.

Macht Emotionale Intelligenz einen sympathischer?

Bechtholdt: Wenn man seine Gefühle gut kontrollieren kann, haben andere mehr Lust, mit einem zu kommunizieren, als wenn man rumpoltert und Launen an anderen auslässt. Und es gibt Studien, die zeigen, dass Vorgesetzte von Mitarbeitern positiv bewertet werden, wenn sie Emotionale Intelligenz an den Tag legen, also zum Beispiel die Fähigkeit haben, Gefühle anderer wahrzunehmen und richtig zu verstehen.

Ist Emotionale Intelligenz gut für die Karriere?

Bechtholdt: Wissenschaftlich gesehen kann man sagen: Ja, aber nicht so stark, wie viele denken. Die Bedeutung des IQ für den Berufserfolg ist bei weitem höher. Anhand des IQs lässt sich Berufserfolg am besten vorhersagen. Das höchste Karrierepotenzial hat man mit hohem IQ plus hoher Emotionaler Intelligenz.

Verändert sich die Emotionale Intelligenz, wenn man Karriere macht?

Bechthold: Nicht notwendigerweise. Aber je mächtiger die eigene Position, umso niedriger ist die Motivation, sich mit den Emotionen anderer zu beschäftigen, sich Gedanken über sie zu machen.

Lebt man mit Emotionaler Intelligenz gesünder?

Bechtholdt: Ja, es gibt einen Zusammenhang mit psychischer und physischer Gesundheit. Man profitiert dadurch, dass man mit Stress besser umgehen kann und sich selbst mehr im Griff hat. Wer seine eigenen Gefühle beobachten kann, weiß, wann er die Notbremse ziehen muss, ist zufriedener und gesünder. Es gibt sogar messbare physiologische Auswirkungen: Eine gute Regulation der Emotionen führt zu einer geringeren Kortisolausschüttung und damit zu weniger Stress.

Haben Frauen mehr Emotionale Intelligenz als Männer?

Bechtholdt: Frauen schneiden bei entsprechenden Tests besser ab, insbesondere, was die Fähigkeit betrifft, Emotionen bei anderen zu erkennen. Es gibt eine Studie, die zeigt, dass Mädchen schon als Säuglinge Gesichter länger betrachten als Jungen. Daraus lässt sich aber höchstens schlussfolgern, dass sie sich stärker für Gesichter interessieren, nicht, dass sie eine höhere Emotionale Intelligenz haben.

Kann man seine Emotionale Intelligenz erhöhen?

Bechtholdt: Ja, natürlich. Sie können auch Ihren IQ innerhalb einer gewissen Bandbreite erhöhen. Mit der Emotionalen Intelligenz ist das genauso. (dpa)


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