War Mumie zu Gast auf Schulpartys?

ARCHÄOLOGIE Zigarrenreste und ein fehlender Kopf: Was die Münster-Mumie so alles erlebt hat

Stammt aus der Zeit um 950 vor Christus: die restaurierte Münster-Mumie. (Foto: Thissen/dpa)

Ihr echter Kopf ist nicht mehr dort, wo er mal hingehörte. Und doch ist das kleine Archäologische Museum der Universität Münster stolz, endlich seine lang im Verborgenen schlummernde Mumie präsentieren zu können. Viel weiß man nicht über den Toten, der vor rund 2700 Jahren für die Ewigkeit ausgenommen, balsamiert und bandagiert worden war. Und doch erzählt seine Reise aus Ägypten über eine Schule im Ruhrgebiet bis nach Münster eine Menge.

Die Untersuchungen im Computertomographen zeigten ein fast vollständiges Skelett mit wenig Verschleißerscheinungen: "Es war ein Mann um die Dreißig, der ein gelenkschonendes Leben geführt hat", sagt die zuständige Ägyptologin des Museums, Angelika Lohwasser.

Lange Reise bis zu den Experten

Doch sein "Mumienleben" war keineswegs immer so würdevoll, wie der Tod es sein sollte: Das zeigt sich schon darin, dass der scheinbar dazugehörige Sarg rund 250 Jahre älter ist. "Vielleicht haben erst Händler Mumie und Sarg zusammengebracht, um für das Ensemble mehr Geld zu bekommen", sagt Lohwasser. Denn im 19. Jahrhundert florierte das Mumiengeschäft. Lange hatte sie vermutet, dass es auch Händler waren, durch die der echte Kopf der Münster-Mumie abhanden gekommen war: Vielfach seien Einzelteile abgetrennt und verkauft worden. Doch der Restaurator fand Schädelfragmente im Sarg und glaubt daher, dass der Kopf zerfiel beim Versuch neugieriger Forscher, ihn auszuwickeln. Auf unbekannten Wegen gelangte die Mumie schließlich an ein Gymnasium in Mülheim. Von dort gelangte sie 1978 zu den Experten. Mit einer Spende von 15 000 Euro konnte die Mumie dann restauriert werden. Mumien-Restaurator Jens Klocke aus Hildesheim machte sich an die Arbeit. Er stellte eine Reihe zurückgelassener Spuren im Sarg sicher: Ein Stück Brotrinde etwa, ein Zigarrenstummel und ein Zwetschgenkern sind weitere Indizien für ein bewegtes Mumiendasein. "Wir wissen nicht, ob Schüler hier Schabernack getrieben haben oder ob die Mumie Gast auf einer Schulparty war. Das können immer nur Hypothesen sein", sagt Lohwasser.

Kopflos ist die ausgestellte Mumie nun jedoch nicht mehr: Schon aus dem alten Ägypten seien Fälle von ersetzten Gliedmaßen dokumentiert. Sie wurden hinzugefügt, damit der Geist trotzdem Ruhe finden könne. So ist für die Münstermumie ein Schädel nachgebaut und bandagiert worden. "Wir können ja keine Mumie ohne Kopf zeigen", sagt Lohwasser. (dpa)


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