Wenn Ärzte nicht mehr weiter wissen ...

VERHALTENSTHERAPIE Neues Behandlungsprogramm soll bei ungeklärten Körperbeschwerden helfen

Kopfschmerzen: nicht immer medizinisch zu erklären. (Foto: Warnecke/dpa)

Die Verhaltenstherapeutische Ambulanz an der Justus-Liebig-Universität (JLU) nimmt teil an einem deutschlandweiten Behandlungsprogramm, das diese Symptome psychotherapeutisch abklärt.

Ob Völlegefühl, Herzrasen, Rückenschmerzen, Kloßgefühl im Hals, Muskelschwäche, Magenschmerzen oder Schwindel - bei durchschnittlich jedem fünften Hausarztbesuch in Deutschland werden derartige Symptome, die nicht medizinisch geklärt werden können, festgestellt, so die Projektverantwortlichen.

Unter der Gesamtleitung von Professor Winfried Rief von der Philipps-Universität Marburg erforschen die Psychologen deshalb die Wirkung von klassischer Verhaltenstherapie und einer neuen Therapieform, die sich "ENCERT" nennt: "Unsere Studien zeigen, dass das Konzept anschlägt. Der Leidensdruck wird reduziert, genauso wie häufig auch die Schmerzen der medizinisch ungeklärten Symptome", sagt Dr. Sebastian Pilgramm von der Verhaltenstherapeutischen Ambulanz der JLU.

Viele Faktoren spielen eine Rolle

Ursachen für die Phänomene sei ein Geflecht aus Faktoren wie genetischer Veranlagung, Wahrnehmungsprozessen und Sozialisation- sowie Lernaspekten. "Die Psyche spielt auf jeden Fall auch eine Rolle", erklärt Pilgramm. Der Therapeut betont, dass Menschen, die unter derartigen Symptomen leiden, auch Schwierigkeiten im sozialen Leben - unter anderem wegen Fehlzeiten bei der Arbeit - bekommen können. Es komme vor, dass Kollegen ihnen Simulantentum unterstellten, so der Experte. Die verhaltenstherapeutischen Ansätze von "ENCERT" verfolgen deshalb auch das Ziel, bei Betroffenen die Selbstakzeptanz zu stärken.

Das Projekt, das als großangelegte Studie mit Standorten neben Marburg und Gießen auch in Hamburg, Mannheim oder Wuppertal läuft, funktioniert folgendermaßen: Menschen, die seit mindestens sechs Monaten unter mindestens drei ungeklärten körperlichen Beschwerden leiden und bereits mehrere Ärzte konsultiert haben, werden in der Ambulanz behandelt. Nach einem ersten Telefongespräch und anschließender Fragebogenaktion erfolgt eine auf insgesamt 25 Stunden angelegte Kurzzeittherapie, die von der Krankenkasse finanziert wird. Sechs Therapeuten stehen dazu in der Gießener Verhaltenstherapeutischen Ambulanz zur Verfügung, zusätzlich zu einem approbierten Kollegen für Privatpatienten. "Für die Teilnehmer handelt es sich um eine ganz normale Verhaltenstherapie", betont Pilgramm.

- Weitere Informationen zu dem Projekt gibt es unter Telefon: unter (06 41) 39 99 06 44 oder encert(at)vt-giessen.de.


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