Wenn Philosophie auf Informatik trifft

GESELLSCHAFT Ethik für "Nerds": Computerfreaks sollen die Technik-Brille ablegen

"Nerds" sind Computerfreaks. Menschen, die sich für Wissenschaft und Technik interessieren, in ihrer eigenen IT-Welt leben und die Umgebung wenig wahrnehmen. "Gerade unter Informatik-Studenten ist dieser Personenkreis überproportional vertreten", meint Holger Hermanns, Informatik-Professor an der Universität des Saarlandes. Also Spezialisten, die beispielsweise genau wissen wollen, wie Software-Doping bei VW funktioniert - denen aber egal ist, was das für die betroffenen Fahrzeugbesitzer und die Gesellschaft bedeutet. Die es faszinierend finden, wenn Autos mit künstlicher Intelligenz autonom fahren, ohne sich zu überlegen, wer künftig in Gefahrensituationen eigentlich die Verantwortung für eine folgenschwere Entscheidung übernimmt.

Es sind meist Leute, die es als Zeichen von Gesundheitsförderung betrachten, wenn man mit seinem Smartphone oder einem Fitness-Tracker täglich die Anzahl seiner Schritte dokumentieren kann - aber nicht darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn die Krankenkasse Zugriff auf diese Daten bekommt. Genau mit solchen weiterführenden Aspekten beschäftigte sich in diesem Jahr in Saarbrücken erstmals eine Vorlesung: "Ethik für Nerds".

"Uns geht es nicht nur darum, zu sensibilisieren, sondern den Informatikern Verantwortung, Rechtfertigung und Argumentationstechniken beizubringen, damit sie sozusagen außerhalb ihrer dicken Brille verstehen, wie sie zu agieren haben", erläutert Hermanns.

Die Idee dazu hatte der 49-Jährige, nachdem er selbst als Experte zu einem geplanten Industrieprojekt für das Zertrümmern von Weltraumschrott hinzugezogen worden war. Und ihm bewusst wurde, dass man mit einer solchen Technik auch "Objekte der Gegner" zerstören könnte. Im Nachhinein ist Hermanns froh, dass dieses Projekt nicht realisiert wurde. Denn es hatte ihm klar gemacht: "Wir wissen vielleicht, wie etwas funktioniert. Aber nicht, wie was erlaubt ist, welche Rolle wir selbst dabei spielen und wie wir etwas rechtfertigen können."

Schnell war ihm nach Gesprächen mit Kollegen klar, dass es vielen Informatikern so geht - und der Bedarf groß ist, Kompetenz in diesen Fragen zu finden und das Wissen an Jungforscher zu vermitteln.

Den richtigen Wissenschaftler für diese Aufgabe fand Holger Hermanns am Institut für Praktische Philosophie in dem Doktoranden Kevin Baum. Der 30-Jährige verkörpert selbst am besten die Schnittstelle zwischen Philosophie und Informatik, weil er in beiden Fachrichtungen einen Master-Abschluss hat - als Erster im Saarland.

Kevin Baum erinnert sich noch gut, was er dachte, als der Professor vor knapp zwei Jahren an seiner Tür klopfte und fragte, ob er sich eine wissenschaftliche Tätigkeit unter der Überschrift "Ethik für Nerds" vorstellen könnte: "Super spannend!"

"Das Selbstverständnis, das Mediziner haben, fehlt dem Informatiker"

Nicht nur, weil er sich selbst per se für diesen Aspekt interessiert hatte, sondern auch deshalb, weil das Thema in Deutschland - anders als im angelsächsischen Raum - noch als weitgehend unerforscht gilt. "Das Selbstverständnis, das Mediziner beispielsweise haben, fehlt dem Informatiker", meint Baum.

Mit der Vorlesung, die in englischer Sprache stattfand, um auch die ausländischen Studenten und Doktoranden einzubeziehen, wollten er und Hermanns das nun ändern. Und das offenbar mit Erfolg. "Im Laufe des Semesters, nachdem zunächst die philosophischen Grundlagen geklärt worden, wurde viel intensiver diskutiert, wurden neue Aspekte auch eigenständig durch die Studenten beleuchtet", bilanziert der 30-Jährige.

Doch Ziel war es eben nicht nur, zu sensibilisieren und Meinungen auszutauschen: Die Studenten sollten auch einen "Werkzeugkasten" mit an die Hand bekommen, der ihnen dabei hilft, im späteren IT-Berufsleben ethische Probleme zu erkennen und kompetent mit ihnen umzugehen. So ging es nicht nur darum, beispielsweise den Verhaltenskodex der Gesellschaft für Informatik (GI) kennenzulernen, sondern auch darum, konkrete Fallbeispiele zu bewerten und die ethischen Richtlinien auf ihre Anwendbarkeit für die Zukunft zu prüfen.

Auch die GI selbst, mit 20 000 Mitgliedern die größte Vereinigung von Informatikern im deutschsprachigen Raum, diskutiert aktuell ihre ethischen Leitlinien aus dem Jahr 1994, die zuletzt 2004 geändert wurden: "Wir sind seit 2014 damit beschäftigt, diese zu überarbeiten", sagt Stefan Ullrich, der Sprecher der Fachgruppe "Informatik und Ethik" der GI. Anlass seien die Enthüllungen des früheren US-Geheimdienstlers Edward Snowden gewesen. "Bei uns geht es zwar auch um Zivilcourage, aber das Thema Whistleblower ist in unseren Leitlinien noch nicht explizit erwähnt", erläutert Ullrich.

Über die Leitlinien wird in der Gesellschaft für Informatik engagiert diskutiert: "Bislang sind sie wie ein Bekenntnis formuliert, wie eine Selbstverpflichtung", findet der 37-Jährige, der selbst Abschlüsse in Informatik und Philosophie hat. "Die Frage ist auch, ob das so noch aktuell ist."

Für Professor Hermanns steht fest, dass die Vorlesung "Ethik für Nerds" auch im nächsten Sommersemester wieder angeboten wird. Und er ist überzeugt: "Auch langfristig wird dieses Thema in unserer Fachrichtung nicht mehr von der Bildfläche verschwinden." (dpa)


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