Athener Arroganz

Von Michael Klein

Wer wie die radikale Regierung in Athen das Gegenteil behauptet, der hetzt Deutsche und Griechen gegeneinander auf - und versündigt sich an den Errungenschaften jahrzehntelanger Völkerverständigung in Europa. Es ist auch unfair zu kritisieren, dass internationale Hilfsgelder für Griechenland vor allem den Banken zugutegekommen seien. Tatsächlich hatte sich Griechenland dort verschuldet. Hätte man die Banken auf ihren Forderungen sitzenlassen, dann hätten dies auch Kleinsparer hierzulande bezahlen müssen - oder diejenigen, die privat fürs Alter vorgesorgt haben.

Radikale sind das Problem

Freilich ist die Sozialisierung der Verbindlichkeiten durch die europäischen Partner mit Forderungen verknüpft. Länder wie Portugal oder Italien haben längst eingesehen, dass sie an einer soliden Haushaltsführung nicht vorbeikommen, wenn sie Teil der Euro-Gemeinschaft bleiben wollen. Hier kann nicht das Prinzip gelten, dass derjenige das Tempo bestimmt, der am schlechtesten wirtschaftet.

Griechenland hat diesen Reformbedarf lange Zeit ignoriert, war in jüngster Zeit allerdings auf dem Weg der Besserung. Das Problem nun: Die Links- und Rechtsradikalen haben den Griechen paradiesische Zustände versprochen, was diese nur allzu gerne geglaubt haben. Manch einem, der im Zuge der Krise eine Menge verloren hat, kann man das nicht einmal verdenken. Nur: Die Gesetze der Marktwirtschaft lassen sich so nicht aushebeln. Ein Leben auf Pump geht niemals auf Dauer gut.

Perspektiven? Erschreckend ist die Tatsache, dass die Hausbank der EU, die Europäische Investitionsbank, derzeit vor einer Ausweitung ihres Engagements in Griechenland zurückschreckt. Das Vertrauen ist also gesunken - und daran dürften die hemdsärmeligen Herren in den Athener Ministersesseln einen nicht unerheblichen Anteil haben. Unter ihnen wird Griechenland, das eigentlich auf dem besten Weg war, die Talsohle zu verlassen, wertvolle Jahre verlieren.

Kein Wunder also, wenn es manchem Parlamentarier in Deutschland allmählich reicht. Es spricht aber auch viel dafür, sich zunächst auf Kompromisse mit der neuen Regierung einzulassen. Schließlich möchte man hierzulande nicht für immer auf dem griechischen Schuldenberg sitzenbleiben. Das wäre der Fall, wenn man die Griechen jetzt fallen ließe.

Und zur Wahrheit gehört auch: Deutschland hat viele Jahre vom griechischen Leben auf Pump profitiert. Denn es waren ja auch deutsche Produkte, die auf diese Weise reißenden Absatz fanden. Die unvermeidlichen Verluste, die das griechische Schuldendrama auch für uns mit sich bringen wird, sind vor diesem Hintergrund leichter zu verschmerzen.

Die Linie der Euro-Partner ist klar - und in diesem Fall auch alternativlos: Griechenland muss am Reformkurs festhalten, wenn es wieder auf die Beine kommen will. Den arbeitslosen Griechen ist nicht damit geholfen, dass man ihnen einen mit Steuergeldern finanzierten Job gibt, für den die Wirtschaft keinen Bedarf hat. Es kann nur darum gehen, die griechische Wirtschaft in Schwung zu bringen - und in Europa wettbewerbsfähig zu machen.

Dazu passt die Spaltungspolitik der griechischen Linksradikalen eher nicht. Deren Finanzminister Giannis Varoufakis hat den deutschen Finanzminister und die Euro-Partner unmissverständlich gewarnt: "Wenn ihr denkt, ihr tut gut daran, progressive Regierungen wie unsere zur Strecke zu bringen, dann macht euch auf das Schlimmste gefasst." Das ist ein Tonfall, der uns in Europa um Jahrzehnte zurückwirft. Und dessen Inhalt auch noch falsch ist: Die neue griechische Regierung ist nämlich nicht "progressiv", sondern schlicht arrogant.


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