Aufklärung ja, Index nein

#MeToo-Debatte

Von Regina Tauer

Vom „Verdachtsjournalismus“ sprechen die Kritiker der Veröffentlichungen in der „Zeit“, die einer Vorverurteilung Wedels gleichkämen und sein Lebenswerk beschädigten. Für die anderen ist es angemessen, das brisante Thema aufzugreifen. Frauen, die mit den von ihnen geschilderten sexuellen Übergriffen und Demütigungen kein Gehör fanden oder aus Angst und Scham jahrzehntelang schwiegen, erhielten ein Forum.

Dass die Vorwürfe der betroffenen Frauen nicht aus der Luft gegriffen zu sein scheinen, zeigt die zerknirschte Haltung der Verantwortlichen beim Saarländischen Rundfunk. Hier dämmert inzwischen so manchem, dass die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers gelinde gesagt nicht erfüllt wurde. Die Vorwürfe wurden dokumentiert, nachgegangen wurde ihnen nicht. Aber das bringt nicht ausreichend Licht zur Aufklärung.

Es ist gut, dass die Staatsanwaltschaft nun Ermittlungen aufgenommen hat. Denn nicht alle Vorwürfe gegen Dieter Wedel fallen unter die Kategorie längst verjährt. Ob es zu einer Anklage und damit zum Prozess kommt, ist offen. Eigentlich müsste Wedel froh darüber sein, wenn ein juristisches Verfahren eröffnet würde. Sieht er sich doch als Opfer einer „Hexenjagd“. Vor Gericht hätte der 75-Jährige die Möglichkeit, seine Unschuld zu beweisen, die er vor seinem Abtauchen aus der Öffentlichkeit beteuerte. Die juristische Aufarbeitung des Falls Wedel ist notwendig, auch im Interesse der betroffenen Frauen.

Unabhängig vom Ausgang eines möglichen Gerichtsverfahrens gegen Dieter Wedel und eventuellen auch strafrechtlichen Konsequenzen befördert die aktuelle Debatte allerdings auch Forderungen, die in eine gefährliche Richtung weisen. Wedels filmisches Schaffen und seine Arbeit fürs Theater nun auf den Index zu setzen, wäre die falsche Antwort. Aus mehreren Gründen: Es träfe die Falschen, wenn künstlerisch hochwertige Produktionen ins Archiv verbannt und nicht mehr gezeigt würden. Arbeiten, an deren Erfolg im übrigen nicht nur der Regisseur sondern viele Schauspielerinnen und Schauspieler sowie Kameraleute ihren Anteil hatten.

Die Bewertung von Kunst darf nicht am Charakter ihres Erschaffers gemessen werden. Dann würden in vielen Museen weiße Flecken an den Wänden zurückbleiben. Renoir war dafür bekannt, Frauen als „Früchte“ zu bezeichnen. Heute ein No-Go, dennoch sind seine Bilder genial. Diesen Widerspruch gilt es auszuhalten. Wollen wir Bilder von Egon Schiele abhängen, die Frauen auf Objekte der Begierde reduzieren? Bilder, Bücher, Filme, Musik sollen erfreuen, unterhalten, anregen, aber auch zur Debatte herausfordern. Wenn wir diese kulturellen Freiheiten hinterfragen, bewegen wir uns auf einem schmalen Grad. Gerade in Deutschland.

Die gesellschaftliche Herausforderung, die die #MeToo-Bewegung auf die Tagesordnung gesetzt hat, wird durch solche Forderungen sogar auf ein Abstellgleis geführt. Die Fragen um die es geht, geraten aus dem Blickfeld. Die Frage nach der Macht und ihrem Missbrauch und nach der Verantwortung der Mitwisser.


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