Befreiende Klarheit

Von Regina Tauer

Befreiend empfand die junge Generation Weizsäckers Satz. Menschen, die heute um die 50 sind, aufgewachsen in der Bundesrepublik, geprägt von dem Nachbeben der 68-er-Bewegung, das frischen Wind in deutsche Klassenzimmer und auch in den Geschichtsunterricht gebracht hatte. Die Klarheit, mit der das deutsche Staatsoberhaupt Position bezog, war für die Jugend die logische Konsequenz aus dem Wissen um die Naziverbrechen.

Der konservative Richard von Weizsäcker sendete ein Signal, das eine ähnliche Wirkung erzielte wie Willy Brandts berühmter Kniefall vor dem Denkmal, das an den Aufstand im Warschauer Ghetto erinnert. Brandts Geste vom 7. Dezember 1970, die mehr als alle Worte sagte, hat sich ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingeprägt. Das Ansehen Deutschland in der Welt hat sie nachhaltig befördert. Doch im eigenen Land wurde der SPD-Kanzler auch angefeindet.

Auch von Weizsäcker, ein erklärter Konservativer, erhielt für seine Worte nicht nur Beifall. Sie passten nicht ins Geschichtsbild etwa des damaligen Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion. Alfred Dregger war stolz darauf, in den letzten Kriegstagen die "Festung Breslau" verteidigt zu haben. Diese Haltung deckte sich mit denen, die endlich einen Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheitsbewältigung setzen wollten. Dregger sprach jenen aus dem Herzen, für die Deserteure Verräter waren und die es nicht vermochten, die Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 aus ehrlichem Herzen zu ehren.

Von Weizsäcker war der Gegenpart. Er gehörte zu denen, die sich der Vergangenheit gestellt hatten, in die auch Teile seiner Familie schuldhaft verwickelt waren.

Das Auftreten dieses Altbundespräsidenten in der Öffentlichkeit - wenn auch es auch in den letzten Jahren seltener wurde - war immer lehrreich. Ein Kontrapunkt zum oft seichten Polittalk dieser Tage.

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