Bitte keine Ladenhüter!

Gauck-Nachfolge

Von Uwe Röndigs

Der Schritt ist doch nur zu verständlich: Joachim Gauck wird definitiv nicht noch einmal zur Wahl des Bundespräsidenten antreten. Nach dem öffentlichen Leben gibt es auch noch ein privates. Und das Amt, das jedem Inhaber ein großes Maß an Präsenz abfordert, ist wahrlich kein Zuckerschlecken: hohe Termindichte, beobachtete Repräsentanz auf jeden Schritt und Tritt - und der ständige Spagat zwischen der politisch-gesellschaftlichen Funktion einerseits und der Neutralität - wenn man das so bezeichnen kann - in der Tagespolitik andererseits.

Warum nicht nach elf Männern eine Frau?

Wenn der hochgeschätzte Bundespräsident Joachim Gauck, der das Amt mit seiner aufrichtigen Biografie und Integrität, einer klaren Werte- und Menschenorientierung, der Sensibilität für die Stimmungslagen im Land wie auch einer gewissen Leichtigkeit im Auftritt und nicht immer klaren Worten geprägt hat, jetzt geht, dann kommen komische Gefühle hoch. Vor allem das Gefühl, dass das Amt nach Horst Köhler und Christian Wulff erneut in die Mühlen des Berliner Politikbetriebs gerät - ja unter die Räder kommt. Muss man Angst davor haben, dass es bei den Strippenziehern im Hintergrund - allen voran der Bundeskanzlerin Angela Merkel - wieder nur dazu reicht, einen abgehalfterten, aber wenigstens allgemein akzeptierten Grüßaugust in die Bundesversammlung zu schicken oder unliebsames Personal aus dem Verkehr zu ziehen, wie es bei Christian Wulff der Fall war?

Auch wenn das Amt nur begrenzte Vollmachten hat und jeder Ruf nach einer Aufwertung der Position durch Direktwahl vor dem Hintergrund deutscher Geschichte absolut töricht ist, so ist das Bundespräsidentenamt wahrscheinlich zu keiner Zeit so wichtig gewesen wie derzeit.

Bevor es um Personen geht, sollte zunächst einmal das "Stellenprofil" geklärt werden:

- Der nächste Bundespräsident wird sich mehr der Innenpolitik als der Außenpolitik widmen müssen, da das entscheidende Thema "Integration" lauten wird.

- In einer offenen und bunten Gesellschaft einen Verfassungspatriotismus zu leben, die Werte freundlich und mit Überzeugung zu verteidigen, Grundsatzdebatten mit Integrationswirkung anzuschieben, wird seine Aufgabe sein.

- Dass er das politische Berlin kennen muss, wird für sein Überleben im Amt wichtig sein, aber er wird sich auch davon lösen müssen.

- Die Brücke zu schlagen zu den Menschen, die einer politischen Kaste in Berlin misstrauen, und zu werben für offene demokratische Prozesse als beste Staatsform, wird Kraft kosten.

- Integrität wird eine "Einstellungsbedingung" sein, auch wenn Gauck recht hat, wenn er sagt: "Ihr habt keinen Heilsbringer oder keinen Heiligen oder keinen Engel, ihr habt einen Menschen aus der Mitte der Bevölkerung als Bundespräsidenten."

- Warum wird das Amt nach elf Männern im Amt nicht endlich mal einer Frau zugetraut?

- Und in der Tat: Warum folgt man derzeit nur dem politischen Reflex und grast die Liste der politischen Ladenhüter ab, anstatt sich Kandidaten aus Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft zu suchen, die bereit und in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen?

Die Personaldebatte ist eröffnet - und das im Jahr vor der Bundestagswahl!


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