Bittere Pille

Kassen trauen Patienten nicht

VON MICHAEL KLEIN

Es gibt eine Reihe sogenannter weicher Medikamente, die Patienten helfen, aber kaum Nebenwirkungen haben. Für dasselbe Krankheitsbild gibt es andererseits auch die ganz harte Medizin, die häufig nicht nur große Nebenwirkungen hat, sondern im einen oder anderen Fall sogar zur Abhängigkeit führt. Die Krankenkassen finanzieren also lieber ein Medikament, das süchtig macht, als eines, das nicht süchtig macht. Das süchtig machende Medikament bezahlen sie dann womöglich über Jahre oder gar Jahrzehnte, während sie das weichere Medikament vielleicht nur für kurze Zeit hätten bezahlen müssen. Dass die Kassen dabei in den meisten Fällen auch noch das teurere Präparat bezahlen, sei nur am Rande erwähnt.

Das Vorgehen zeugt von einem grundsätzlichen Zweifel an der ärztlichen Kompetenz. Nicht der behandelnde Arzt weiß, was für den Patienten gut ist, sondern die Krankenkasse, die den Patienten gar nicht kennt. Der Patient wiederum, wenn er seine Gesundheit ebenso wie die Kassen zuerst unter finanziellen Aspekten betrachtet, wird schon einen Arzt finden, der ihm das harte Medikament verordnet, das die Kasse bezahlt. Egal ob er es eigentlich braucht oder nicht.

Dass die Haltung der gesetzlichen Kassen nicht das Allheilmittel zur Kostensenkung ist, zeigt die völlig andere Vorgehensweise der privaten Krankenversicherer. Auch die können - und müssen - rechnen und bezahlen ihren Mitgliedern nicht nur eine Vielzahl von Medikamenten ohne Verschreibungspflicht, sondern diese auch mal ohne Vorlage eines Rezepts. Das machen die Privatversicherer gewiss nicht, weil sie besonders nett zu ihren Mitgliedern sein wollen: Sie können einfach besser rechnen als die staatlichen Bürokraten. Wenn die Privatversicherer zum Beispiel nicht auf einem Rezept bestehen, sparen sie sich eine Arztrechnung - und dem Patienten einen Arztbesuch.

Wie lange Zeit mit der nun endlich abgeschafften Praxisgebühr zeigen die Kassen auch hier, dass sie ihre Mitglieder im Kern für unmündig halten. Dass niemand ohne Grund zum Arzt geht und niemand ohne Grund Medikamente schluckt, wollen sie nicht wahrhaben. Eine bittere Pille für Kassenpatienten.


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