Das hessische Unikum

VON MICHAEL KLEIN

Einerseits ja. Wenn das Land am Ende doch öffentliche Gelder zuschießen muss, dann stellt sich doch automatisch die Frage, warum es überhaupt eines privaten Betreibers bedarf, der natürlicherweise auf fette Gewinne aus ist? Berichte des Betriebsrates über zunehmenden Arbeitsdruck und Überstunden aufgrund der Gewinnorientierung haben den Ruf der Klinik, vor allem in Marburg, nachhaltig beschädigt. Wenn Menschen in Scharen allwöchentlich zu einem "Montagsgebet" kommen, also die Zustände in ihrer Uniklinik als ähnlich bedrückend empfinden wie 1989 Bürger der DDR ihr totalitäres System, dann ist dieser Vertrauenverlust wohl nur schwer zu beheben. Vertrauen ist aber unabdingbare Voraussetzung auch für den wirtschaftlichen Erfolg des Klinikums.

Selbst einem Privatpatienten kann es in der Gießener Uniklinik mulmig werden, wenn er erlebt, wie ein leitender Arzt mitten in einer Sprechstunde zwischen Untersuchungsterminen an verschiedenen Orten im Haus und dem Operationssaal hin- und hergescheucht wird. Sind ärztliche Fehler nicht zwangsläufig, wenn Ärzte nur noch im Hamsterrad agieren?

Jedenfalls scheint der Preis für die Privatisierung hoch zu sein. Denn trotz der jetzt gegebenen vorübergehenden Arbeitsplatz-Garantie bleibt der Druck auf die Stellen bestehen. Das ist in Wirtschaftsbetrieben völlig normal, im Gesundheitswesen können die Auswirkungen allerdings fatal sein.

Andererseits ist unbestritten, dass die Privatisierung einen jahrelangen Investitionsstau aufgelöst hat. Hunderte Millionen hat die Rhön-Klinikum AG seit 2006 in neue Gebäude und moderne Medizintechnik investiert. Das kommt den Patienten zugute und steigert die Qualität der medizinischen Leistungen. Und auch wenn die Privatisierung einer Uniklinik in Deutschland keine Nachahmer findet: 30 Prozent der deutschen Krankenhäuser werden bereits von privaten Unternehmen betrieben.

Geschuldet ist dies der Tatsache, dass viele klamme Kommunen einfach kein Geld mehr haben, um ihre Kliniken baulich und technisch auf dem neuesten Stand zu halten. In der Chefetage der Rhön-Klinikum AG wird gern der Vergleich mit dem niedergelassenen Arzt gezogen, der schließlich auch Privatier sei und seine Praxis modernisieren müsse.

Allerdings ist im Rechnungswesen eines Klinikums mit vielen tausend Beschäftigten und sowohl einem Behandlungs- als auch einem Forschungsbereich manches komplizierter als beim Landarzt. Wohl auch deshalb ist bislang kein Bundesland dem Beispiel Hessens gefolgt.

Dass Hessen, wie sich nun zeigt, trotz Privatisierung weiterhin und womöglich auf Dauer Millionen für das Uniklinikum Gießen und Marburg ausgeben muss, setzt die schwarz-gelbe Landesregierung unter Erklärungsdruck. Die entscheidende Frage lautet: Wenn es ohne Landesgeld doch nicht geht, warum wird dann ein Konzern eingeschaltet, dessen Arbeit aus den Einnahmen des Klinikums zusätzlich finanziert werden muss? Und warum muss jetzt der Aufsichtsrat des Klinikums um zwei Sitze für das Land Hessen erweitert und zusätzlich ein Beirat eingerichtet werden, der über den Betrieb wacht?

Diese Fragen werden Ministerpräsident Volker Bouffier, der ausgerechnet in Gießen zu Hause ist, bis zur Landtagswahl vorgehalten werden. Und je länger die hessische Uniklinik-Privatisierung ein bundesweites Unikum bleibt, desto schwerer wird sie zu halten sein. Zumal andere Bundesländer es ja geschafft haben, ihre Kliniken mit Haushaltsmitteln zu modernisieren.


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