Der Kalte Krieg ist endgültig aus

Agenten in Mittelhessen

Von Mika Beuster

Doch es ist kein Roman, es ist kein Thriller - die beiden russischen Spione gibt es wirklich, sie lebten wirklich in Mittelhessen. Gestern standen sie zum ersten Mal in Stuttgart vor Gericht, nachdem sie zuvor von einem Sondereinsatzkommando auf frischer Tat ertappt wurden. Die meisten Menschen dürften das Ganze mit einem Schmunzeln aufnehmen: Der Spionage-Fall wirkt wie ein Echo des Kalten Krieges, ein wenig der Zeit entrückt. An eine echte Gefahr für die nationale Sicherheit - wie sie zu Zeiten des Eisernen Vorhangs in solchen Fällen sicher bestanden haben mag - will kaum einer glauben.

Schon fast drollig altmodisch wirken die Methoden der Moskauer Agenten, von denen man bis heute nicht weiß, welcher echte Name sich hinter dem Tarnnamen "Anschlag" (ja, auch das ist nicht erfunden, sondern wahr) verbirgt.

Es ist, als ob ein waschechter Pirat mit Augenklappe und Holzbein ein modernes Hochseeschiff überfallen würde und erinnert daran, wie Don Quijote als Ritter verkleidet gegen Windmühlen kämpft - obwohl es seit Generationen keine Ritter mehr gibt. Und so bewerten Experten die Erkenntnisse aus dem technischen und militärpolitischen Bereich, die nach Russland übermittelt wurden, allenfalls mit "mittlerer" Qualität.

Es mag kaum überraschen: Sogar der ehemalige Kalte Krieger James Bond kämpft heute per Internet und Computer gegen Bösewichte. Wenn er einen Kurzwellensender benutzte, das Publikum würde gähnend den Kinosaal verlassen.

Dennoch - diese zum Teil in Mittelhessen spielende Spionage-Vorfall erinnert daran, dass es immer noch Agenten gibt. Diese modernen High-Tech-Spione haben allerdings meist private Firmen im Visier, und das Bundeskriminalamt warnt seit geraumer Zeit vor allem kleine und mittelständische Unternehmen davor, zu fahrlässig mit sensiblen Daten ihrer Geschäftsgeheimnisse umzugehen.

Es gibt viele ausgefeilte Produkte, gerade in Nischenbranchen, die ach aus Mittelhessen stammen und in denen Jahrzehnte Entwicklungsarbeit und Erfahrung stecken - und bei denen sich aufstrebende Schwellenländer mit der einen oder anderen Detailinformation jahrelange kostspielige Forschungsarbeit sparen könnten.

Doch das geradezu plumpe Handeln der russischen Agenten zeigt, dass Russland wohl nicht mehr in der Top-Liga der Spione mitmischt. Sicherheitskreise vermuten mittlerweile die Herkunft des Großteils der hierzulande tätigen Agenten im asiatischen Raum. Und spektakuläre Computer-Sabotage - wie die des iranischen Atomprogramms mit dem digitalen Computervirus "Stux-Net" - zeigt, dass die Zeit der Spione des Kalten Krieges wohl endgültig vorbei ist.

Der Prozess gegen das Ehepaar "Anschlag", das in Marburg lebte, wird dabei wohl eher wie eine Aufführung im Geschichtsmuseum wirken. Irgendwie ist das doch schade - die Zeit der klassischen Agenten-Thriller, der Langwellensender und "toten Briefkästen" ist damit endgültig beerdigt.


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