Der Opferschutz geht schweigend unter

Von Steffen Gross

110 Mal über Jahre hinweg soll sich ein 61-jähriger früherer Grünen-Politiker aus Gießen an vier Nachbarskindern sexuell vergangen haben. Kinderpornos soll er gehortet und die Opfer mit Drogen gefügig gemacht haben. Es fällt schwer, zumal die hohe Zahl der angeklagten Straftaten und die Beweismittel erdrückend erscheinen: Aber auch für diesen Mann, dem drei Fälle von besonders schwerem Kindesmissbrauch und viele weitere, aber kaum harmlosere Taten vorgeworfen werden, muss zum jetzigen Zeitpunkt die Unschuldsvermutung gelten.

Sollte aber der mutmaßliche Täter schließlich auch der überführte Täter sein, wenn die Richter Anfang Juli ihr Urteil fällen, dann hat sich der 61-Jährige vor Gericht ein zweites Mal an den drei Mädchen und dem Jungen schuldig gemacht.

Bislang hat der Angeklagte, den sein Umfeld lange Zeit für den "netten Onkel von nebenan" hielt, zu den Vorwürfen gegen ihn geschwiegen. Daran will er auch während des Prozesses nichts ändern, wie er am Montag zum Auftakt ankündigen ließ. Kommt in den nächsten Wochen von ihm kein Geständnis, dann bleibt den Opfern die Aussage vor Gericht nicht erspart. Dann zwingt der mutmaßliche Peiniger die noch immer minderjährigen und zutiefst traumatisierten jungen Menschen dazu, ihre schrecklichen Erlebnisse ein weiteres Mal zu durchleiden - diesmal in schonungslosen Zeugenvernehmungen im Gießener Landgerichtssaal. Der Opferschutz droht im Schweigen eines mutmaßlichen Täters unterzugehen.


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