Die Macht des Wortes

Schock-Bilder von Toten

Von Michael Klein

Dem schließt sich jeder vernünftige Mensch an. Aber sind wir schon so weit gekommen, dass es schockierender Fotos bedarf, um eine solche Botschaft an wen auch immer zu senden? Haben denn Journalisten keine Worte, um zu zeigen, was ist? Und haben die Leser kein Vorstellungsvermögen?

Das sind rhetorische Fragen. Denn natürlich können Korrespondenten beschreiben, welche Grausamkeiten sie in diesem Flüchtlingsdrama erleben. Sie können auch von Leichen schreiben, die an Strände gespült werden und von Menschen, die qualvoll in einem Lkw ersticken. Und sie tun das auch. Eine solche Beschreibung löst im Kopf des Lesers weit mehr Bilder aus, als es ein reales Bild könnte. Denn die Vorstellungskraft jedes Einzelnen geht über das Betrachten eines Fotos weit hinaus.

Wir brauchen also nicht die Bilder von Toten, um uns die menschlichen Grausamkeiten dieser Katastrophe ausmalen zu können. Und bei den politisch Mächtigen, die solche Bilder längst kennen, bewirken sie rein gar nichts. Was also wird besser dadurch, dass Bilder von Leichen veröffentlicht werden?

In Wahrheit ist die Flüchtlingskrise der Politik längst entglitten. In Wahrheit ist niemand in der Lage, den Schlepperbanden das Handwerk zu legen. Denn sonst gäbe es auch längst keinen Menschenschmuggel mit Prostituierten und keinen Drogenhandel mehr. Schock-Bilder von Toten werden daran nichts ändern. Sie bewirken genau das Gegenteil der guten Absicht: dass die Tragödie zur Normalität wird.

Nicht nur der Pressekodex gebietet die Beachtung der menschlichen Würde gerade im Zusammenhang mit dem Tod, sondern auch der gesunde Menschenverstand. Möchten wir selbst als Tote in der Zeitung abgebildet werden? Oder möchten wir da einen verstorbenen Angehörigen sehen?

Weil wir das nicht möchten, wird diese Zeitung - wie viele andere - auch künftig keine Fotos von Toten drucken.


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Kommentare (1)
Was mich erschüttert ist, dass solche Bilder noch dazu verwendet werden, um im Internet menschenverachtende Hetze zu betreiben. Siehe tagesschau.de: dort schreibt ein Nutzer, der sich "Carlsand" nennt: "dieses bild ist mehr
ja wie auf kommando in allen mainstream-medien. und mit den menschen,mit denen ich gesprochen habe,ist keiner erschüttert,sondern eher angewidert von dieser stimmungsmache in den medien, die solch tragisches geschick instrumentalisieren." Quelle: http://meta.tagesschau.de/id/102583/der-schrei-des-toten-jungen
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