Ein Konkurrent für Merkel

Martin Schulz

Von Michael Klein

-Anders als Parteichef Sigmar Gabriel genießt Schulz das Vertrauen seiner Partei. Gabriel hatte der Bundesparteitag in Berlin vor einem Jahr bei seiner Wiederwahl zum Vorsitzenden mit dem desaströsen Ergebnis von 74,3 Prozent regelrecht abgestraft. Wie aber soll jemand Mehrheiten holen, wenn nicht einmal die eigenen Leute hinter ihm stehen? 

-Die größte Herausforderung der demokratischen Parteien in Europa ist es zurzeit, einen Rückfall des Kontinents in altes Nationalstaatsdenken und den Abbau rechtsstaatlicher Errungenschaften zu verhindern. Das wird nicht gelingen, indem man das Erstarken rechtsextremer und populistischer Kräfte mit einem lockeren Spruch abtut, wie derzeit Regierungsmitglieder der Union in Berlin. Man wird die AfD auch nicht dadurch los, dass man sich bei ihren Wählern anbiedert, wie man beim stets unsteten Gabriel glauben konnte. Und ebenso wenig, indem man sie von oben herab belehrt. Martin Schulz, der Weltpolitiker aus Würselen, hat mehr als alle anderen im Führungszirkel der SPD die Fähigkeit, die richtige Sprache zu sprechen. Dass der Vielsprachler dabei einen hörbaren rheinischen Akzent in der Stimme hat, muss kein Nachteil sein – im Gegenteil.

-Mit Schulz hätte die SPD die Chance jene Wähler zurückzugewinnen, die derzeit zwischen der AfD und den etablierten Parteien schwanken. Solche Wähler etwa, die nicht ausländerfeindlich sind, aber besorgt über die innere Sicherheit und die nicht verstehen, dass auf ein tödliches Straßenrennen nur eine Bewährungsstrafe folgt. Das sind Themen, die viele Menschen umtreiben. Und die lassen sich nicht mehr mit dem Hinweis abspeisen, es liege nun mal an den Richtern und habe rein gar nichts mit einem zu laxen Strafrecht zu tun. Wie wäre es also, wenn der Streit über die Themen, die die Menschen bewegen, wieder zwischen Union und SPD ablaufen würde statt zwischen den Etablierten einerseits und den Populisten andererseits?

-Schulz hat den Vorteil, dass er von außen kommt, wenn auch aus Europa, das bei vielen keinen guten Ruf hat. Darauf aber kommt es in der nationalen Auseinandersetzung nicht an, zumal Schulz auch vieles kritisiert, was in Europa schiefläuft. Gabriel wiederum hat lange genug bewiesen, dass er die SPD nicht aus dem Jammertal holen kann, obwohl auch er einst als Hoffnungsträger galt. Schulz wird Merkel sicher 2017 nicht das Kanzleramt streitig machen können – das wäre dann ein politisches Wunder. Bis 2021 aber könnte er der Union beim Ringen um die stärkste Fraktion gefährlich werden.


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