Ein Papst des Widerspruchs

Von Mika Beuster

Doch nun gibt Papst Benedikt XVI. sein Amt auf. Das bedeutet nicht nur, dass das deutsche nationale Selbstbewusstsein mit einer Identifikationsfigur weniger auskommen muss. Gleich wie man sein Wirken im Pontifikat bewertet - die katholische Kirche hat einen gewaltigen Verlust zu verkraften. Sie verliert ihr Gesicht, das weltweit bekannt ist; einen intellektuell herausragenden Kopf, der seinen messerscharfen Verstand in den Dienst des Vatikans stellte und ein Symbol, das sowohl vereinte als auch spaltete. Mit dem Papst geht ein widersprüchlicher, vielschichtiger Oberhirte, über den sich ein vorschnelles und eindeutiges Urteil eigentlich verbietet.

Benedikt - der frühere Kardinal Ratzinger - hinterlässt aber so oder so seinem Nachfolger ein schwieriges Erbe. Die Kirche ist innerlich wie äußerlich zerrissen. Einer der drängendsten Konflikte: Wie verhält sie sich in dem Spannungsfeld zwischen Moderne und Tradition?

Die Welt hat sich verändert - von den traditionellen Werten, für die auch Benedikt steht - fühlen sich immer weniger Menschen angesprochen. Das fängt an bei der katholischen Vorstellung von Ehe und Partnerschaft, mit der sich immer weniger Paare identifizieren.

Es geht weiter über das problematische Verhältnis zu Homosexuellen hin zu den Rechten von Frauen - wie die jüngste Debatte um ein Vergewaltigungsopfer zeigt, dem in einem katholischen Krankenhaus die Hilfe verweigert worden war.

Vorstellungen der Moderne treffen auf Werte der Tradition

Solche Haltungen können viele Menschen nicht mehr in Einklang mit ihrem persönlichen Wertekanon bringen, in dem Frau und Mann eine gleichberechtigte Partnerschaft leben können, auch ohne Trauschein, oder auch Frau und Frau oder Mann und Mann. In dem Frauen es als ihr gesetzlich verbrieftes Recht verstehen, über einen Schwangerschaftsabbruch - erst recht nach einer Vergewaltigung - selbst zu entscheiden.

Umfragen belegen, dass immer weniger Menschen an die katholische Morallehre glauben, dass sie sich immer weniger mit der Institution identifizieren. Sie gehen immer weniger in den Gottesdienst; immer weniger junge Menschen wollen Priester werden. Die katholische Kirche verliert immer mehr Bindekraft, sie verliert ihre Schäfchen.

Nicht hilfreich für die Rückgewinnung von Vertrauen sind die vielen Skandale: Missbrauch etwa. Der geschieht und geschah nicht nur durch Priester, sondern auch an vielen anderen Orten. Aber die widersprüchliche, verschleppende Aufklärung verstört: Steht die Kirche eindeutig auf der Seite der Opfer? Oder deckt sie weiter die Täter? Auf diese Frage erwarten die Menschen eindeutige Antworten, sie erhalten meist nur sybillinische Hinweise. Dass ein in der Fachwelt anerkannter Wissenschaftler einen Maulkorb verpasst bekommen hat, als er die Skandale aufdecken wollte, verstört eine aufgeklärte, sekuläre Gesellschaft.

Und dann das Bild, das die Kirche bisweilen abgibt. Bischöfe, die sich gerieren wie mittelalterliche Fürsten. In Limburg etwa ist in der Bevölkerung ein regelrechter Proteststurm entstanden um den Neubau des Bischofssitzes, der Millionen verschlingt, während in der Arbeit vor Ort in den Gemeinden knallhart gespart wird. Dass der Bischof First-Class in indische Slums flog - auch das verstört.

Menschen sehnen sich nach Orientierung und Beständigkeit

Die katholische Kirche konkurriert derweil immer öfter mit vielen anderen Glaubensrichtungen und auch der wachsenden Anzahl von Menschen, die ohne Institution ihren Glauben leben wollen.

Während die Menschen immer mehr die Inhalte befremdlich finden, die Benedikt symbolisiert, um so mehr verwundert die weitverbreitete Begeisterung für den Papst über die Glaubensgrenzen hinaus. Bei seinem Deutschlandbesuch füllte er Stadien, Menschenmassen jubelten ihn zu, das Land war in einem regelrechten Papst-Rausch.

Doch das ist die andere Seite dieses vielschichtigen, streitbaren Papstes: Er führt relevante Debatten, er polarisiert, er ist nicht beliebig, er analysiert messerscharf. Er scheint ein Bedürfnis der Menschen anzusprechen: In einer solch schnell sich wandelnden Welt - woran sollen wir glauben, wonach sollen wir uns richten? Sind unsere Überzeugungen nur Mode-Erscheinungen?

Nein - sie sehnen sich nach Verlass, nach Beständigkeit - nach einer Figur wie dem Papst, der Orientierung und Halt bietet.

Die gleichen Menschen, die immer mehr persönliche Freiheit einfordern fühlen sich geborgen bei der Vorstellung, dass es eine tausende Jahre alte Institution gibt, die Werte vertritt und nicht ständig ändert - auf die Verlass ist. Das mag widersprüchlich klingen. Aber es spiegelt die widersprüchliche Lebenswirklichkeit unserer Zeit wieder.

Nicht zuletzt wird das Bild der Kirche aber vor allem auch durch die vielen Pfarrer und Laien vor Ort geprägt, die sich in ihrer Vielzahl voller Hingabe und Leidenschaft ihren seelsorgerischen Aufgaben widmen und das Leben der Menschen durch Tat und Gebet verbessern.

Ein neuer Papst muss sich diesen Rissen, Konflikten und Kämpfen widmen. Und er wird sich auch innerlichen Umbrüchen bewältigen müssen: Das Gewicht der "alten" Welt nimmt ab - die Zukunft der Kirche liegt nicht in Europa oder den USA, sie liegt in Südamerika, in Afrika, in Asien. Das wird zwangsläufig neue Impulse geben.


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