Ein Stachel in Putins Fleisch

Von Michael Klein

In Nelson Mandelas Autobiografie "Der lange Weg zur Freiheit" kann man nachlesen, wie in den 50er und 60er Jahren der Takt der Massenverhaftungen von Regimegegnern immer dichter wurde, wie Bürgerrechte immer weiter eingeschränkt wurden, wie ganz normale Bürger vom Staat kriminalisiert wurden, nur weil sie Demokratie und die Achtung der Menschenrechte einforderten. Nichts anderes betreibt Wladimir Putin. Erst am Montagabend nahmen russische Sicherheitskräfte 500 Menschen fest, die sich für nichts anderes eingesetzt hatten als Dinge, die für uns in Deutschland selbstverständlich sind. Wie lange wird das so weitergehen?

Die Geschichte lehrt, dass sich der Freiheitswille nicht auf Dauer einsperren lässt. Das war nicht nur in Südafrika so, sondern ganz aktuell in Putins direkter Nachbarschaft. Wie 1989 in Ostdeutschland, wo das SED-Regime anfangs noch geglaubt hatte, wenigstens einen Teil seiner Macht erhalten zu können, überschlagen sich in der Ukraine die Ereignisse. Und die sind ein schmerzhafter Stachel in Putins Fleisch.

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Der Opposition in Russland gibt der Sturz des ukrainischen Herrschers jedenfalls mächtig Auftrieb. Und darin lauert für Putins Regime eine viel größere Gefahr als durch möglicherweise schwindenden Einfluss auf einen früheren Teil des Sowjetreichs. Zumal sich die Europäische Union die Ukraine keineswegs "einverleiben" möchte, sondern sich der Moskauer Interessen offenkundig sehr bewusst ist.

Für Putin bedeutet dies: Er muss sich entscheiden. Wenn er den Weg der Repressalien gegen seine Gegner fortsetzt oder wie einst in Südafrika gar beschleunigt, dann läuft er Gefahr, in die Honecker-Falle zu tappen. Der hatte Michail Gorbatschows Satz "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" nicht verstanden. Klüger wäre es deshalb, Putin würde sich einmal intensiver mit dem Regierungssystem der Demokratie beschäftigen. Wenn schon nicht aus Überzeugung, dann wenigstens aus Machtkalkül.


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