Eine Zeitung kann niemand hacken

VON MICHAEL KLEIN

Es war der 19. April um 9 Uhr morgens unserer Zeit, als die folgende Meldung der Polizei in Boston über Twitter lief: "Hören Sie auf, gefälschte Konten mit unserem Namen anzulegen und den Leuten zu erzählen, an welchen Orten wir ermitteln." Kurz darauf schrieb ein Twitter-Nutzer unter Berufung auf den Polizeifunk, einer der Verdächtigen sei als Sunil Tripathi identifiziert worden - eine komplette Falschmeldung, die von Hunderten Twitter-Nutzern ungeprüft im Netz verbreitet wurde. Und sofort begann die Hatz auf einen völlig Unbeteiligten. Ein Twitter-Nutzer schrieb: "Wenn Du (gemeint war der zu Unrecht Verdächtigte) gerade auf Twitter bist und siehst, wie wir auf deinen Tod warten, beeil dich, ich will schlafen." Der Urheber des Gerüchts war später natürlich nicht mehr zu finden.

"Ich weiß, dass ich nichts weiß", soll Sokrates einmal gesagt haben. Wir glauben, etwas zu wissen, und doch wissen wir nichts. Zumindest wissen wir nicht, ob wir das Richtige wissen, wenn wir auf eine Twitter-Meldung vertrauen, die uns Wissen in Echtzeit suggeriert. Was ist es wert, schnell etwas zu wissen, aber nicht zu wissen, ob es überhaupt wissenswert ist? Oder ob sich das vermeintliche Wissen schon bald als Nichtwissen entpuppt?

Facebook und Twitter sind "in". Manch einer sieht darin gar die wichtigste Kommunikationsform der Zukunft. Und mancher Blogger glaubt, es reiche, wenn seine Spezies ihre persönliche Sichtweise über das Weltgeschehen darlegt, um Wissen unter den Menschen zu verbreiten. Doch was ist eigentlich der Fortschritt des sich explosionsartig verbreitenden "Wissens", das am Ende gar keines ist?

Wie gut, dass es im Boston-Fall beispielsweise den erfahrenen NBC-Reporter Pete Williams gab. Der rückte über seine Quellen als Erster gerade, dass es sich bei den Verdächtigen in Wirklichkeit um zwei Brüder aus Tschetschenien handelte. Journalismus ist ein Handwerk, das erlernt und in der täglichen Praxis perfektioniert wird. Wer einer seriösen journalistischen Quelle vertraut, kann sicher sein, dass er danach tatsächlich etwas weiß.

Bedrohlich für den demokratischen Staat ist, dass immer mehr Menschen die Unterscheidungsfähigkeit zwischen seriöser journalistischer Information und dem Netzgezwitscher verlieren. So hat in dieser Woche eine Twitter-Falschmeldung über angebliche Explosionen im Weißen Haus die US-Börse auf einen Sturzflug geschickt. Der US-Leitindex Dow Jones Industrial geriet sogar kurzzeitig in die Verlustzone. Es ist erschreckend, wie Börsianer, denen man doch gerne ein bisschen Verstand unterstellen möchte, Twitter als glaubwürdige Nachrichtenquelle nutzen und danach sogar wichtige finanzielle Entscheidungen ausrichten.

Übrigens hatten sich in diesem Fall Hacker des Twitter-Kontos der US-Nachrichtenagentur AP bemächtigt und damit ihrer Falschmeldung einen äußerlich seriösen Anschein gegeben. Eine Zeitung hat nicht nur den Vorteil, dass sie professionell geprüfte und sorgfältig ausgewählte Nachrichten verbreitet, erklärt und vertieft. Eine Zeitung kann auch niemand hacken.


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