Einsam unter "Freunden"

Von Michael Klein

Dass ältere Menschen ihre Freizeit lieber zu Hause verbringen als ständig auf Achse zu sein, ist nichts Neues - und vor allem ganz natürlich. Dass aber gerade junge Menschen vor lauter Chats mit "Freunden" auf Facebook und Computerspielen kaum noch vor die Tür kommen, ist erschreckend.

War es früher nur die "Glotze", die Menschen von einer aktiven Nutzung ihrer Freizeit abhielt, dann sind es heute iPhone, iPad & Co. Der Mensch, der sich diesen modernen Kommunikationsmitteln kritiklos hingibt, verliert sich selbst in den unendlichen Weiten des Netzes.

Auch wer es etwas anspruchsvoller mag als nur mit "Freunden" im Netz über den Alltag zu plaudern, ist vor dieser Gefahr nicht sicher. Selbst der Kurznachrichtendienst Twitter, den zum Beispiel Politiker und Journalisten gerne nutzen, birgt eine latente Suchtgefahr. Es gibt Twitter-Nutzer, die Hunderten oder gar Tausenden anderer Nutzer folgen und glauben, sie verpassten etwas, wenn sie nicht deren Beiträge alle gelesen haben.

Während das Freizeitbudget der Menschen wächst und wächst, wird mit der Fixierung auf Computer und TV zugleich das Freizeitverhalten eindimensionaler. Die mögliche Vielfalt des Lebens lernen viele Menschen so gar nicht mehr kennen. Es ist kaum anzunehmen, dass sie das glücklicher macht als frühere Generationen. Denn was die Chatter da im Netz konsumieren, sind oft genug nur Häppchen.

Der Mensch aber strebt bekanntlich nach Glück. Und deshalb ist es längst nicht ausgemacht, dass der Trend zur fast ausschließlich virtuellen Freizeitbeschäftigung unumkehrbar ist. Je mehr Menschen begreifen, wie sehr sie das Internet in Wahrheit einsam macht, desto größere Bedeutung kommt den Traditionsmedien zu, die manch einer längst abgeschrieben hatte. Zu den Zeiten, als sie der wichtigste Zugang zum Wissen der Welt waren, war jedenfalls das Freizeitverhalten breitgefächerter als heute: Eine Zeitung hatte nie das Suchtpotenzial des Internets, sie ließ - und lässt - den Menschen also viel mehr Raum, ihre Freizeit vielfältig zu gestalten.

Dazu kommt ein Systemnachteil, den all die Netzwerke haben: Sie vermögen es nicht, den Menschen Orientierung zu geben und sie ein Gefühl dafür entwickeln zu lassen, was für ihr Leben - und das Leben der Gesellschaft - wirklich wichtig ist.


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