Entscheidung lässt aufatmen

VON UWE RÖNDIGS

Diese Entscheidung war unumgänglich, überfällig und ist noch dazu vernünftig. Monatelang haben die verstörte katholische Basis wie auch die polarisierte Öffentlichkeit auf den befreienden Spruch des Vatikans gewartet.

Ein Bauskandal, luxuriöse Indienreisen, ein deutscher Bischof als Fall für die Staatsanwaltschaft - all das ist schon Stoff genug für eine Generalabrechnung. Doch es geht um mehr. Jetzt anzunehmen, mit dem Amtsende des Limburger Bischofs seien die Probleme vom Tisch, greift viel zu kurz. Jetzt lediglich die "Limburger Verhältnisse" befrieden zu wollen, wie es als Begründung aus Rom heißt, ist der Sache nicht angemessen. Jetzt nur von Neuanfang zu reden, ohne ihn wirklich zu wollen, würde heißen, den "Fall Tebartz-van Elst" mit einem frommen Mäntelchen zuzudecken. Der tiefe Fall des Geistlichen konnte nur eine solche Bedeutung erlangen, weil er für das "System Kirche" steht.

Was lernt die katholische Kirche aus dem Umgang mit dem so viel gescholtenen "Protzbischof"? - Die Kirche muss raus aus ihren Parallelwelten und sich der Gesellschaft stellen. Tebartz wirkte in den mehr als sechs Jahren seiner Amtszeit als Vertreter einer konservativen Wende, die sich eher an Prinzipien orientiert als an den Fragen der Menschen, für die Kirche da sein soll. - Teil dieser Parallelwelt ist das Leben in kirchlichen Hierarchien, die Normalsterblichen kaum noch vernünftig zu erklären sind. Und die auch nicht funktionieren: Sind "die da oben" nicht gezwungen, auf die Basis Rücksicht zu nehmen und sich mit ihren Entscheidungen zu erklären, braucht es auch keinen Konsens in strittigen Fragen wie dem Umgang mit kirchlichen Finanzen. Transparenz? Fehlanzeige! So etwas wird sich die Kirche nie mehr leisten können.

- Mit Hierarchien hat auch das Auseinanderdriften von Amts- und Laienkirche zu tun, die durch den Fall Tebartz-van Elst einen gehörigen Auftrieb bekommen hat. Wenn etwas für die Zukunft Bedeutung hat, dann sicher die Arbeit der Gemeinden vor Ort. Tebartz steht für ein System, das die Basis schwächt und bischöfliche Zugriffsmacht stärkt. Damit war er hoffnungslos rückwärtsgewandt und chancenlos.

- In vielen kirchlichen Gruppen ging und geht die Sehnsucht nach offener Debatte um. Diskussion war vielfach - wenn sie kritisch wurde - nicht erwünscht. Eine der wichtigsten Aufgaben eines neuen Bischofs wird sein, den Geist der Anpassung zu vertreiben. Kritikfähigkeit? Fehlanzeige! Tebartz sah sich als Opfer einer Kampagne.

- Schließlich braucht die Kirche auch das Personal mit einem klaren Amtsverständnis: Der Freiburger Erzbischof Robert Zollitisch hat mit seiner Äußerung vor zwei Wochen einen selbstkritischen Anfang gemacht: Autoritäten treten in einer pluralen Gesellschaft in den Hintergrund, von Bischöfen werde "Persönlichkeit" erwartet - eine Persönlichkeit, die auch zum Amt passt. Und das heißt natürlich in erster Linie Bescheidenheit und Basisnähe. Tebartz konnte mit beidem offensichtlich nicht viel anfangen.

Damit lag er über Kreuz mit Papst Franziskus, der mit der Entscheidung ein deutliches "So nicht"-Zeichen setzte. Ist das eine Wende? Das kann sein. Mit dieser Rückendeckung werden Katholiken nicht nur im Bistum Limburg aufatmen, auch wenn es noch einen langen Atem braucht, um die tiefer liegenden Probleme zu bewältigen.


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