Europa muss aufwachen

Syrien-Krise

Von Regina Tauer

Wichtige Monate sind verstrichen, in denen Europa sich der Illusion hingab, es werde schon nicht so schlimm kommen: Die Realpolitiker unter den US-Republikanern würden den Hasardeur im Weißen Haus schon einhegen. Das zweite Jahr unter Trump zeigt die Dimension dieser Fehleinschätzung. Trump entledigt sich der Vernünftigen unter seinen Beratern fast im Handstreich. Es wird Zeit, dass Europa endlich aufwacht und die Rolle annimmt, die die Veränderung der politischen Großwetterlage erfordert.

Doch welches Europa?, fragt man sich mit Blick auf die innere Zerrissenheit unseres Kontinents. Großbritannien geht mit dem Brexit auf Distanz zu Europa und sucht noch unter seiner politisch angeschlagenen Regierungschefin nach einer neuen Rolle in der Welt.

Macron bald nur „Pudel“ Trumps?

Frankreichs junger Präsident will die Grande Nation an alte Herrlichkeit anknüpfen lassen und wählt dafür doch die Mittel aus der Vergangenheit. Militärisch will er gemeinsam mit Trump in Syrien eine Strafaktion durchführen und läuft dabei Gefahr, zum „Pudel“ Trumps zu werden. Ein Etikett, das einst Tony Blair im Verhältnis zum früheren US-Präsidenten George W. Bush anheftete. Jacques Chirac, einer von Macrons Vorgängern im Elysee-Palast, verfolgte in der Irakkrise 2003 einen deutlich skeptischeren Kurs gegenüber Washington. Die Geschichte gibt ihm recht.

Der Blick nach Südeuropa eröffnet die Sicht auf ein anderes Krisenfeld. Die spanische Minderheitsregierung ist mit dem Problem Katalonien voll auf beschäftigt, in Italien stellt sich die Frage, ob es überhaupt zu einer Regierung kommt. Und Osteuropa sieht sich vor allem als Bollwerk einer Festung Europa zur Abwehr von Flüchtlingen.

Viel Verantwortung kommt auf Deutschland zu. Aus Berlin müssen Initiativen kommen, um den Dialog zwischen Ost und West wiederzubeleben. Dass Kanzlerin Merkel eine militärische Beteiligung Deutschlands in Syrien ablehnt, ist ein wichtiges Signal. Es geht nicht darum, sich über Russland falsche Vorstellungen zu machen. Wladimir Putin verfolgt eine knallharte Machtpolitik. Der absehbare Sieg Assads in Syrien ist vor allem sein Sieg. Russland hat Kriegsverbrechen in Syrien geduldet Bomben auf Krankenhäuser und die Zivilbevölkerung und womöglich auch Giftgaseinsatz. Doch ungeschehen gemacht werden diese nicht durch eine neuerliche Spirale der Gewalt. Es würde nur noch mehr Tote geben.

Verbal abrüsten

Europa hat im 20. Jahrhundert die schlimmsten Kriege der Geschichte mit unvorstellbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit erlebt. Der Kalte Krieg hat den Kontinent jahrzehntelang gespalten, atomares Wettrüsten bestimmte die Weltpolitik. Vernunft und auch der Dialog haben damals verhindert, dass es nach 1945 zu dem großen Flächenbrand gekommen ist, der alles ausgelöscht hätte.

Dialog ohne Vorbedingungen und Vorverurteilungen, das heißt auch verbal abzurüsten. Merkel hat die Fähigkeit, mit kühlem Kopf zu verhandeln, schon oft bewiesen. Das Verhältnis zu Russland ist Chefsache. Vielleicht lässt sich ja auch Macron von Merkel an die Hand nehmen. Dann könnte daraus doch noch eine europäische Initiative für mehr Stabilität in der Welt werden.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2018
Kommentare (0)
Mehr aus Standpunkte Hessen und Welt