Gesellschaft braucht Gestaltung

Von Michael Klein.

Was haben wir dagegen in Deutschland für Sorgen! All das, worüber hierzulande, gerne und oft geklagt wird, verschwindet hinter der täglichen Angst eines Israeli oder eines Palästinensers vor den Waffen des jeweils anderen. Oder hinter der täglichen Angst vor Repressalien in den Unrechtsstaaten unserer Erde – von China über Nordkorea bis Kuba.

Deutschland geht es – so banal das klingt – gut. Zum einen materiell: Zwar gibt es auch bei uns Armut, denn Wohlstand misst sich nicht nur im weltweiten Maßstab, sondern auch innerhalb einer Gesellschaft. Wenn aber darüber geklagt wird, dass der deutsche Staat zu wenig für die Armen tue, dann sollten wir nicht vergessen: Es gibt nicht viele Länder auf der Erde, die über ein soziales Netz verfügen, wie wir es glücklicherweise haben. Dieses Netz funktioniert nur, weil in der gesamten Gesellschaft ein Konsens darüber herrscht. Und weil diejenigen, die das Netz finanzieren, wissen, wie wichtig sozialer Friede auch für sie selbst ist.

Nur wenn alle ein halbwegs auskömmliches Einkommen haben, kann sich eine Gesellschaft positiv entwickeln. Doch das Materielle ist nicht der einzige Grund, warum es uns in Deutschland im weltweiten Vergleich so gutgeht. Ein ausbalanciertes System von Macht und Gegenmacht der staatlichen Gewalten ist das Erfolgsgeheimnis unserer deutschen Demokratie. Man mag anderswo darüber lächeln, dass ein Bundesverfassungsgericht Gesetze eines demokratisch gewählten Parlaments kassiert oder darüber, dass eine Länderkammer Entscheidungen der Zentralgewalt stoppt: Die Gewichte und Gegengewichte sind Ausdruck des aufgeklärten Staates, der Garant für seine Beständigkeit.

Den meisten Deutschen geht es also nicht nur materiell gut, sie leben darüber hinaus in einem der fortgeschrittensten demokratischen Systeme der Erde. Was für ein Glück! Aber Vorsicht: Dieses System ist nicht vom Himmel gefallen, wir haben es selbst erschaffen – und wir selbst müssen es erhalten. Bedroht ist das System von inneren und äußeren Konflikten: von der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich im Inland ebenso wie von den Diktatoren im Ausland, die ihre Bürger zu Flüchtlingen machen.

Deshalb muss das Interesse Deutschlands weiterhin dem Frieden im Inneren wie im Äußeren gelten. Dieses Interesse zu wahren, ist die Aufgabe der Politik, aber nicht allein ihre. Jeder Bürger hat es mit in der Hand, ob es uns auch in den nächsten Jahren noch gutgeht.

Bundespräsident Joachim Gauck spricht in dem Zusammenhang von der Fähigkeit zur Verantwortung, die zum Grundbestand des Menschen gehört. Sie gilt es zu nutzen – statt nur darüber zu klagen, wie schlecht die eigene kleine oder die große Welt doch sind. Wir könnten mit Gauck Ja sagen zu den Möglichkeiten der Gestaltung der Gesellschaft, die jeder von uns hat – ob im Kleinen oder im Großen. Es wäre, mit dem Blick auf den Tahrir-Platz, töricht, wenn wir es unterließen.


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