Grenzen sind überschritten worden

Von Mika Beuster

Schumachers tragischer Unfall lenkt zudem den Blick auf das weniger bekannte Schicksal Tausender Deutscher.

Die deutsche Gesellschaft für Neurologie geht von 400 Schädel-Hirnverletzungen pro 100 000 Einwohner pro Jahr in Deutschland aus - das sind umgerechnet auf Hessen 24 000 Fälle. Sicher, nicht alle davon sind so schlimm wie die im Falle Schumachers. Aber immerhin 10 000 Menschen in Hessen erleiden jedes Jahr langfristige Schäden durch ihre Verletzung. Bei unter 15-Jährigen ist das Schädel-Hirn-Trauma mit Abstand die häufigste Todesursache. Sich mit dem Schicksal dieser Menschen zu beschäftigen und zu schauen, was getan werden kann, um diesen Menschen zu helfen und die Zahl der Opfer zu verringern - all das ist es wert, dass Medien über den Fall Schumacher berichten.

Allerdings ist mittlerweile eine Grenze erreicht - und sogar überschritten worden. Wenn Schumachers Ehefrau Medienvertreter bittet, das Krankenhaus zu verlassen, weil sie Abläufe dort stören, Ärzte und Pflegepersonal behindern und die Familie belästigen, kann man nur zustimmen. Solches Vorgehen ist unanständig, unnötig und hat mit seriösem Journalismus nichts zu tun. Welches berechtigte Interesse der Öffentlichkeit sollte dadurch vertreten werden, dass ein "Journalist" sich als Priester verkleidet an Schumachers Krankenbett schmuggeln will? Welchen Sinn macht es, Dutzende Kamerateams rund um das Krankenhaus zu positionieren, um einen Blick auf Angehörige zu erhaschen? Die Antwort: gar keinen.

Es ist die pure Befriedigung von Voyeurismus und Sensationsgier. Journalismus ist das aber gerade nicht. Journalismus klärt auf, er hakt nach, er ist unbequem und hartnäckig - aber er achtet immer die Ehre und Gefühle der Menschen. Die Gefühle der Familie Schumacher sind durch den Belagerungszustand offensichtlich verletzt worden.

Dass der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes (DJV), Michael Konken, nun fordert, Medienvertreter müssten "Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen" wahren, weist in die richtige Richtung. Im Pressekodex - eine freiwillige Verpflichtung für Journalisten - ist dieses Prinzip auch festgeschrieben. Auch diese Zeitung wird weiter über den Fall Schumacher berichten. In der Tat eine Gratwanderung - welche Nachricht ist wichtig und relevant, welche befriedigt nur Sensationsgier? Diese Zeitung hat entschieden, heute über das Funktionieren der Helmkamera Schumachers zu berichten, weil diese Nachricht relevant erscheint. So werden die Bilder wohl Aufschluss darüber geben, wie es zum Unfall kommen konnte und vielleicht sogar, wer Verantwortung dafür trägt.

Zunächst sollten aber offizielle Mitteilungen des Krankenhauses und Mitteilungen der Familie ausreichen, mehr über den Zustand Schumachers zu erfahren. Eine investigative Recherche - die bei möglichen Polit-Skandalen geboten ist - verbietet sich zurzeit geradezu im Fall Schumacher. Journalisten brauchen natürlich für ihre Arbeit viele Freiheiten. Aber auch für Medien gelten Grenzen.


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