Gute Idee ersetzt Ignoranz

Umsonst mit dem Bus fahren

Von Regina Tauer

Kein Wunder, dass die Nervosität in Berlin steigt, der Grenzwert für die bislang an den Tag gelegte Ignoranz und dieser lag sehr hoch – nun überschritten ist. Allmählich beginnt man zu begreifen, dass die Ergebnisse diverser Diesel-Gipfel der vergangenen Monate der EU-Kommission das Papier nicht wert sind, auf denen sie überhastet formuliert wurden. Die Bundesregierung ist selbst schuld, dass sich nun der Eindruck verfestigt, Brüssel treibe Berlin vor sich her. So wie das seinerzeit auch schon beim Schutz der Nichtraucher vor den Gefahren des Passivrauchens der Fall war.

Jetzt kommen endlich griffige Vorschläge von den geschäftsführenden Ministern aus den Ressorts für Umwelt sowie Verbraucherschutz. Barbara Hendricks von der SPD und Christian von der CSU Schmidt haben eine Initiative angekündigt, die aufhorchen lässt. Die Idee, Bus und Bahn in den Städten für alle kostenlos zu machen, führt aufs richtige Gleis. Nur so lässt sich eine spürbare Zahl von Autos aus den Städten heraushalten. Die Schadstoffbelastung könnte messbar sinken.

Natürlich werden jetzt erst einmal die Bedenkenträger aufmarschieren. Und die Frage: „Wer soll das bezahlen? Wer hat so viel Geld?“ hat ja auch jenseits der tollen Tage in der Tat ihre Berechtigung. An den Kommunen können die Mehrkosten nicht hängenbleiben. Sonst müssen schnell wieder mehr Rettungsschirme aufgespannt werden und die kommunale Selbstbestimmung würde weiter entkernt.

Der Bund ist in der Pflicht. So ließen sich etwa Mittel aus dem Solidaritätspakt umwidmen, um die Lebensqualität in Städten in Ost und West zu steigern. Auch die Frage, ob die Autoindustrie, die das Thema saubere Motoren nicht nur verschlafen, sondern in betrügerischer Absicht unterlaufen hat, wenigstens für eine Anschubfinanzierung mit ins Boot geholt werden sollte, darf gestellt werden. Im Gegenzug könnte sie sich etwas Zeit erkaufen, um die Umstellung der deutschen Pkw-Flotte in Sachen Umweltverträglichkeit auf den Weg zu bringen. Das ist jedenfalls besser angelegtes Geld, als Milliardenstrafen für Betrugsmanöver in den USA zu berappen. Ganz abgesehen davon, dass die Autoindustrie an dem Ausbau der Kapazitäten für den öffentlichen Personennahverkehr auch ihren Anteil verdienen kann. Schließlich unterhalten sie ja auch eine Nutzfahrzeugsparte.

Wenn der kostenlose Bus in der Stadt eine Erfolgsstory werden soll, dann müssen genügend davon bereitstehen, um das Mehr an Fahrgästen aufzunehmen. Das zeigen etwa die Erfahrungen in der estnischen Hauptstadt Tallinn, wo schnell die Kapazitätsgrenzen erreicht wurden. Es muss Geld in die Hand genommen werden für größere Haltestellen und ausreichend Parkplätze an der Peripherie für die Pendler. Und auch das spielt eine Rolle – es muss investiert werden in die Sicherheit gerade auch am Abend. Wer angepöbelt wird oder belästigt, überlegt sich zweimal, ob er in Bus oder Bahn steigt. Doch das sind lösbare Aufgaben, wenn man es wirklich ernst meint mit der Verkehrswende in den Städten.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2018
Kommentare (0)
Mehr aus Standpunkte Hessen und Welt