Keine Debatte über Sexismus

VON KIRSTEN OHLWEIN

Nicht anders ist zu erklären, wieso der Reporterin nach mehr als einem Jahr plötzlich einfällt, dass sie sich von Brüderle sexuell bedrängt fühlte. Und das just ein paar Tage, nachdem Brüderle zum Spitzenkandidaten der FDP für die Bundestagswahl gekürt wurde und just nach der Ernennung eines weiteren Chefredakteurs für den "Stern".

Der Verdacht liegt nahe, dass hier ein gestandener Politiker auf welche Art auch immer demontiert werden soll. Dabei geht das Magazin so plump vor, dass die Absicht keinesfalls im Verborgenen bleibt. Und der Versuch dahinter - zurecht - folgenlos verpuffen wird. Hinzu kommt, dass diese Absicht den eigentlichen Vorwurf - Sexismus - so sehr an den Rand drängt, dass sich viele tatsächlich sexuell genötigte Frauen fragen müssen, ob so eine Anschuldigung wirklich dazu herhalten darf, einen Politiker zu "beschreiben." Vielleicht wurde Frau Himmelreich tatsächlich verbal bedrängt. Es ist ihr gutes Recht, sich dagegen zu wehren. Doch die Frage nach dem Zeitpunkt stellt sich. Wieso wird dieser Zwischenfall zum Dreh- und Angelpunkt eines Porträts? Ohne, dass Herr Brüderle ihn bestätigt, und niedergeschrieben als ein Jahr alte Erinnerung?

Darüber hinaus hat Frau Himmelreich zweifelsohne ein ungeschriebenes Gesetz übertreten, das für Journalisten und Politiker gleichermaßen gilt: Persönliche Gespräche sind privat und niemals Teil der Berichterstattung. Wer abends mit Herrn Brüderle ohne Termin an einer Hotelbar sitzt, sitzt mit ihm dort privat. Nur das garantiert, dass Herr Brüderle zukünftig vielleicht gerne eine wichtige Vorab-Information mitteilt. Nur das garantiert, dass Politiker und andere Menschen, über die Journalisten berichten, sicher sein können, dass sie der Artikel, der über sie erscheint, nicht plötzlich von einer ganz anderen Seite zeigt.

Die Methoden des "Stern" sind fragwürdig. Hatte das Porträt den Sinn, eine Debatte über Sexismus anzustoßen - diesen Anspruch erfüllt es nicht.


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