Kernkraft kommt uns teuer zu stehen

Von Michael Klein

Ginge es nun nach den Konzernen, dann würden die Bürger wie auch die Unternehmen im Land die künftigen Risiken des Atomgeschäfts übernehmen, das der Energiebranche über Jahrzehnte satte Gewinne beschert hat. Das Motto ist altbekannt und lautet: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Die Gewinne waren nur möglich, weil die tatsächlichen Risiken dieser Technologie, Rückstellungen hin oder her, stets kleingerechnet wurden - und zwar mit Duldung der Politik. Wäre die Rückstellungssumme von 36 Milliarden Euro ausreichend, könnten die Konzerne die Abwicklung ihrer Hochrisiko-Technologie ja locker selbst stemmen.

Dass sie dies nicht tun wollen, zeigt: Die Abwicklung der Atomenergie wird sehr viel teurer werden als dieser nicht einmal in flüssigem Geld vorhandene Betrag suggeriert. Und das eben nicht wegen der verantwortungsbewussten Entscheidung Angela Merkels, nach Fukushima endgültig aus der Atomenergie auszusteigen: Wer eine so gefährliche Technologie wie die Kerntechnologie betreibt, der muss damit rechnen, dass er das womöglich nicht 100 Jahre ungestört tun darf - und entsprechend kalkulieren. Jetzt über entgangene Gewinne durch die kürzere Laufzeit manches Atommeilers zu klagen, klingt arg naiv.

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Wer weiß besser als die Energiekonzerne, dass die Kernkraft nur so lange ungefährlich ist wie sie fehlerlos funktioniert. Doch wer kann das angesichts technischer Fehleranfälligkeit und menschlicher Schwächen garantieren? Und wer würde das angesichts zahlreicher Unfälle in Atomreaktoren rund um den Globus denn glauben?

Bürger und Unternehmen wären mit der Übernahme des Atombetriebs- und -entsorgungsrisikos doppelt belastet: Als Stromkunden zahlen sie bereits kräftig für das Gelingen der Energiewende, als Steuerzahler müssten sie nun auch noch für die teure Hinterlassenschaft der alten Technologie geradestehen. Deren Beseitigung haben die Konzerne nie realistisch kalkuliert, weil ihr Atomstrom dann viel zu teuer gewesen wäre, um auf dem Markt eine Chance zu haben.

Wie bei der Bankenkrise

Dass eine Bundesregierung aus Christ- und Sozialdemokraten sich den Atomdreck aufschwatzen lässt, ist sehr unwahrscheinlich. Einzig bei den Liberalen finden sich noch Politiker, die dem Atomzeitalter nachtrauern. Der Spitzenkandidat der FDP für die Europawahl, Alexander Graf Lambsdorff, etwa hat erst kürzlich wieder längere Laufzeiten für Atomkraftwerke ins Spiel gebracht. Doch selbst wenn die Bundesregierung die Übernahme des Atomgeschäfts tapfer ablehnt, könnten die Entsorgungskosten dem einen oder anderen Konzern über den Kopf wachsen. Damit wir weiter mit Energie beliefert werden, muss dieser Konzern dann gerettet oder ihm seine drückende Entsorgungslast abgenommen werden - mit Steuergeldern natürlich.

Das Prinzip kennt man ja seit Ausbruch der Bankenkrise. Das Zauberwort heißt: "systemrelevant".


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