Kommunen nicht alleine lassen!

Von Steffen Gross

Doch schon bald stellte sich heraus, dass die Rekordzahl von mehr als 438 000 Asylanträgen im Jahr 1992 nur eine vorübergehende Erscheinung war. Es waren vor allem Osteuropäer, die wegen des Umbruchs in ihrer Heimat Zuflucht in Deutschland suchten. Als sich die Lage dort stabilisierte, gingen auch die Antragszahlen massiv zurück.

Ausländerfeindlichkeit und brutale Angriffe auf Asylbewerber-Einrichtungen wie in Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen waren neben dem 1993 verschärften Asylrecht Gründe für den weiteren Nachfragerückgang nach einer Heimat in Deutschland. Seit der damals eingeführten Drittstaatenregelung - innerhalb der Europäischen Union ist inzwischen Dublin-Verordnung an ihre Stelle getreten - können Flüchtlinge in die Länder zurückgeschickt werden, die sie auf ihrem Weg nach Deutschland durchquert haben.

Mit der Jahrtausendwende und während der über eine gefühlte Ewigkeit bis 2005 geführten Debatte über ein neues Zuwanderungsrecht sank die Asylbewerberzahl mit knapp 28 000 auf einen Stand gesunken, wie es ihn Jahrzehnte nicht mehr gegeben hatte. Deshalb verschwanden die früheren Unterkünfte, wurden Asylbewerberheime - oft nicht mehr als Baracken - dem Erdboden gleichgemacht und ehemalige Militärgelände fortan anderweitig genutzt. Besonders Gewerbeansiedlungen standen dort bei Kommunen hoch im Kurs.

Heute ist dafür niemandem ein Vorwurf zu machen. Die aktuellen Krisenherde auf dem afrikanischen Kontinent waren seinerzeit nicht vorauszusehen. Und der teure Unterhalt über Jahre leerstehender Unterkünfte angesichts knapper Kassen nicht zu vertreten.

Jetzt aber wird dringend Raum benötigt für Tausende neue Flüchtlinge jeden Monat, die Städten und Kreisen zugewiesen werden. Die Kommunen dürfen mit der Aufgabe ihrer Unterbringung nicht alleingelassen werden - auch nicht finanziell. Denn es geht darum, meist ohnehin traumatisierten Hilfesuchenden eine menschenwürdige Unterkunft zu bieten.

- Hessen S. 5


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