Leistung ist nicht alles

Schüler leiden unter Stress

Von Stefan Gombert

Klar, in der Schule gab es schon immer Druck. Aber anders als früher werden Vokabeln, mathematische Formeln, geschichtliche Daten und all der andere Stoff kaum noch gepaukt, bis alles sitzt. Heute umreißen Lehrer das zu Erlernende ein Mal, und es ist an den Schülern, weiter in die Materie vorzudringen, das Wissen zu festigen. Lernen zu lernen ist die Parole. Sicher nicht verkehrt, aber die Verantwortung für den Lernerfolg hat sich so vom Lehrer auf den Schüler verlagert. Ein großer psychischer Druck.

Mehr denn je eigenverantwortlich

Schüler sind mehr denn je eigenverantwortlich, im Unterricht mitzumachen und mitzukommen. Zumal heute selbst der engagierteste Lehrer – angesichts übergroßer Klassen, überfrachteter Lehrpläne und eines Rattenschwanzes an Bürokratie – längst nicht mehr jeden Schüler mitnehmen kann.

Klar, junge Leute wurden schon immer gemobbt. Aber früher blieben Gemeinheiten im überschaubaren Kreis der Schulkameraden oder Vereinskollegen. Wehren konnte man sich von Angesicht zu Angesicht. Wenn Worte nicht reichten, gab es eben eine blutige Nase oder ein zerkratztes Gesicht. Und gut war’s.

Seit Mark Zuckerberg die Welt erstmals mit seinem Facebook beglückt hat, sind die Spielregeln neu geschrieben. Wobei: Im Grunde scheint es keine Spielregeln zu geben. Wer stylemäßig nicht dem Mehrheitsgeschmack entspricht oder seine Urlaubsgrüße aus der falschen Ecke der Welt sendet, der landet ruckzuck am internetöffentlichen Pranger. Da wird er aus der Anonymität des weltweiten Netzes heraus mit sprachlicher Gülle überschüttet. Also lieber schön artig funktionieren und mit dem Strom schwimmen. Ein großer psychischer Druck.

Interesse zeigen

Deshalb kommt Eltern eine entscheidende Rolle zu. Die meisten von ihnen wollen „nur das Beste“ für ihr Kind und verlangen gewisse Erfolge. Verständlich, wir leben nun mal in einer Leistungsgesellschaft, in der Grundqualifikationen und ein solides Basiswissen unerlässlich sind. Mir als Schüler wären solche Eltern zig mal lieber als jene, die mich schon im Windelalter vor die Glotze abschieben. Denn dass Erfolge – in Maßen – eingefordert werden, zeigt mir, dass meine Eltern sich um mich kümmern.

Genau darin liegt der Schlüssel dafür, dass Kinder nicht unter Stress leiden: sich dafür interessieren, was sie inner- und außerhalb der Schule bewegt; sie für Erfolge loben und sie bei Misserfolgen bestärken, nicht aufzugeben; ihnen Stärke vermitteln, menschliche Qualitäten wie Empathie, Gemeinschaftssinn und Rücksichtnahme auf Schwächere fördern.

Ohne Leistung geht es nicht, aber Leistung ist nicht alles.


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