Linke gibt sich staatstragend

Bundespräsidentenwahl

Von Regina Tauer

Damit hat wohl niemand gerechnet: Die Linke gibt sich in Sachen Bundespräsidentenwahl staatstragend und konstruktiv. Fast möchte man angesichts des parteipolitischen Gezerres um die Nachfolge von Joachim Gauck sagen, als einzige unter den Parteien. Fraktionschefin Sahra Wagenknecht hat signalisiert,dass sie sich durchaus einen Kandidaten aus den Reihen der Union vorstellen könne. Allerdings nicht irgendeinen – sondern Norbert Blüm. Der ehemalige Sozialminister im Kabinett von Helmut Kohl ist kein Politiker der gängigen Sorte. Blüm propagiert nicht nur ein christliches Menschenbild - er lebt es auch mit Empathie und Hingabe.

Ob der Linken-Vorschlag in der Union auf Zustimmung stoßen wird, darf indes bezweifelt werden. Für manchen Christdemokraten ist Blüm nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik eher ein rotes Tuch. Zu nah verorten ihn einige im linken Lager der Gesellschaft.

Für die SPD dürfte Wagenknechts Vorstoß im ZDF eine Provokation sein. Hatte sich die Linke doch gegen Außenminister Frank-Walter Steinmeier als Gauck-Nachfolger ausgesprochen. Er gilt den Linken als Architekt von Schröders Agenda 2010 und den Hartz-Gesetzen. Wer weiß: Vielleicht will Wagenknecht mit ihrer Offerte an die CDU auch diejenigen in ihrer Partei verärgern, die allzu euphorisch vom rot-rot-grünen Projekt 2017 träumen.

Ein Argument gegen Blüm wäre allerdings nicht von der Hand zu weisen. Der Mann ist zwar noch vital. Das hat er erst im März unter Beweis gestellt, als er das im Schlamm zu Versinken drohende Flüchtlingslager im griechischen Idomeni besucht hatte. Doch hat Blüm die 80 schon überschritten. Joachim Gauck hat mit 76 Jahren entschieden, nicht mehr antreten zu wollen. Seine Begründung: Er fühle sich zu alt. Hoffentlich lässt sich Blüm davon nicht leiten. Wenn er denn überhaupt gefragt wird.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2016
Kommentare (0)
Mehr aus Standpunkte Hessen und Welt