Manchmal muss man laut sein

Das ist zumindest eines der Argumente gegen den Artikel im "Stern", der von einem Vorfall berichtet, der sich vor einem Jahr zugetragen hat. Hätten Laura Himmelreich und ihre Kollegen sich tatsächlich so sehr am Verhalten des FDP-Politikers gestört, wäre der Text zeitnah veröffentlicht worden - so jedenfalls die Meinung der Kritiker. Die der Redaktion zudem Berechnung vorwerfen. Nach dem Motto: "Jetzt ist er Spitzenkandidat, jetzt schlagen wir zu." Wortspiele wie "spitzer Kandidat" inklusive.

Das kann man so sehen, das darf man kritisieren. Und vielleicht sind der "Stern"-Beitrag und sein Veröffentlichungszeitpunkt tatsächlich ein Stück weit von dem entfernt, was gemeinhin als "guter Journalismus" bezeichnet wird. Dieser hat nämlich nach Meinung vieler (innerhalb wie außerhalb der Branche) sehr bedacht zu sein, in jedem Fall ausgewogen, ein wenig betulich mitunter. Und auf keinen Fall soll jemand verletzt oder gar unfair behandelt werden.

Das darf man kritisieren, das kann man so sehen. Aber es ist ein Glück, dass es noch Medien gibt, die in einer Position sind, auch mal mit Polemik und Boulevardeskem ihr Profil zu schärfen. Vermutlich haben die Kollegen der Magazine und der großen Tageszeitungen über jeden potenziellen Gegner streitbare Artikel im Giftschrank. Das mag auf manchen unsauber wirken, das ist sicher polarisierend. Aber es ist auch in Ordnung. Denn erst die Extreme machen die Zwischentöne möglich. Ohne den zänkischen Zündstoff auf der einen Seite und die bittere Biederkeit auf der anderen würden die Journalisten, denen täglich der Drahtseilakt dazwischen gelingt, kaum auffallen.

Außerdem: Der Blätterwald ist bunt, auch das macht eine Demokratie aus. Wer Pressefreiheit will, hat manchmal auch schwer zu schlucken. Reporter und Kommentatoren haben nicht die Aufgabe, Politiker und andere Personen der Zeitgeschichte träumen zu lassen (um das eingangs erwähnte Brüderle-Zitat aufzugreifen). Im Gegenteil: Sie müssen ab und an wachrütteln, manchmal laut werden.

Die vierte Macht darf säbelrasseln. Sie sollte es sogar.


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