Mit einer Revolution ist nicht zu rechnen

VON MICHAEL KLEIN

Ähnlich beiläufig wie Adenauers Schlitzohrigkeit kommt die gestrige Geste des neuen Papstes Franziskus daher. Als er sich am Morgen auf den Weg zur Basilika Santa Maria Maggiore aufmachte, um dort zu beten, trug er ein Blumengesteck selbst - statt es von einem Begleiter tragen zu lassen. Und statt mit der bereitgestellten Limousine fuhr der frischgewählte Papst wie die anderen Kardinäle mit dem Bus in seine Unterkunft. Franziskus, Vereinsmitglied Nummer 88 235 des argentinischen Erstligisten San Lorenzo de Almagro, will den Menschen, sicher nicht nur den Katholiken, damit sagen: Schaut her, ich bin einer von euch! Das ist wirklich neu. Und es ist ein Gegenentwurf zum intellektuellen Vorgänger, dem Deutschen Benedikt.

Benedikts Rücktritt hat der zunehmend von Skandalen geprägten katholischen Kirche die Möglichkeit eröffnet, einen neuen Weg einzuschlagen. Denn die Basis der Kirche ist längst in der heutigen Zeit angekommen, stellt Rituale, Dogmen und Positionen in Frage. Darauf muss die Leitung der Kirche reagieren, wenn sie den Bezug zu ihren Mitgliedern nicht verlieren will. Jemand, der sich nach dem heiligen Franziskus benennt, der sein Leben den Armen und Kranken widmete, ist ein erster großer Schritt in Richtung des Fundaments der Kirche. Und die Wahl des ersten Lateinamerikaners auf den Petrus-Stuhl ist ein deutliches Signal, dass die Mehrheit der Kardinäle ihre eigene Institution für reformbedürftig hält. Immerhin haben sie es jahrhundertelang nicht für nötig gehalten, einen Lateinamerikaner zum Papst zu machen, obwohl in diesem Teil der Welt 40 Prozent aller Katholiken leben.

Einen neuen Blick kann die Kirche von dem neuen Papst aus der Neuen Welt gewiss erwarten. Menschlichkeit, ein soziales und ökologisches Gewissen - dafür steht Franziskus. Aber mit einer Revolution sollte niemand rechnen - weder beim Zölibat noch bei der Homo-Ehe oder beim Thema Abtreibung. Denn als eines galt der Argentinier Jorge Mario Bergoglio bislang nicht: als Liberaler.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2013
Kommentare (0)
Mehr aus Standpunkte Hessen und Welt