Nicht der Geist Europas

Von Michael Klein

Die Forderung der Athener Regierung wird nicht nur mit deutschen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg begründet, sondern auch mit einer Zwangsanleihe aus dem Jahr 1942. Damals zwang Hitler-Deutschland die Bank von Griechenland dazu, der Deutschen Reichsbank einen Kredit von 476 Millionen Reichsmark zu gewähren - der Betrag sollte nach Kriegsende zurückgezahlt werden.

Schuldenschnitt wäre fatal

Doch das gesamte Thema deutscher Reparationen wurde 1953 im Londoner Schuldenabkommen vertagt - bis ein förmlicher Friedensvertrag ausgehandelt sein würde. Das dauerte bis zum Ende der deutschen Teilung. 1990 trat der "Zwei-plus-Vier-Vertrag" in Kraft. Und während der Verhandlungen spielte das Thema Reparationen praktisch keine Rolle mehr. Die Beteiligten waren sich einig, dass solche Forderungen nicht mehr zur aktuellen Friedensordnung passten. Auch Griechenland sah dies seinerzeit so und stimmte 1990 der "Charta von Paris" für eine neue friedliche Ordnung in Europa zu. Und im Namen dieser Charta steht wörtlich, dass es sich um eine "abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland" handelt. Dass Athen aus dieser eindeutigen Formulierung im Jahr 2015 urplötzlich herausliest, die Reparationsfrage sei offen, klingt nach arger Verzweiflung.

Hinzu kommt, dass Deutschland nach dem Krieg Reparationszahlungen geleistet hat - an insgesamt zwölf Staaten. Darunter ist auch Griechenland, das 1960 115 Millionen D-Mark erhielt. Bereits damals wurde vertraglich vereinbart, dass es sich um eine abschließende Regelung handele.

Die Verbrechen des Hitler-Regimes sind in der Geschichte ohne Beispiel. Und sie sind mit keinem Geldbetrag wiedergutzumachen. Aber die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs wiederholten nicht den Fehler, der nach dem Ersten Weltkrieg gemacht worden war: durch hohe Reparationsverpflichtungen eine positive wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands zu erschweren. Denn dies hatte unter anderem Hitler den Weg zur Macht geebnet.

Diesen Zusammenhang räumt sogar Tsipras ein, nur zieht er daraus die falschen Schlüsse. Er hält Deutschland vor, 1953 selbst von einem Schuldenschnitt profitiert zu haben - warum heute dann nicht Griechenland? Tsipras verkennt dabei, dass die politische Situation nach Kriegsende nicht dieselbe war wie heute. Damals ging es darum, eine dauerhafte europäische Friedensordnung zu errichten. Und dies ist, Tsipras hin oder her, auch gelungen. Diese historische Entscheidung der europäischen Völkergemeinschaft im Nachhinein für null und nichtig erklären zu wollen, ist der Versuch, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Wie soll das funktionieren?

Umgekehrt: Würde man heute Athen einfach so seine Schulden erlassen, dann wäre auch dies eine Entscheidung von historischer Tragkraft - im Gegensatz zur erfolgreichen europäischen Integration jedoch eine fatale. Denn es wäre der Freifahrtschein für alle Euro-Länder, sich nach Belieben zu verschulden - und eines Tages andere dafür aufkommen zu lassen.

Nein, der Geist von Alexis Tsipras ist nicht der Geist Europas. Ebenso wenig wie der seines rechtsradikalen Verteidigungsministers, der griechische Flüchtlinge in Massen nach Deutschland schicken will. Doch zum Glück für den Frieden in Europa ist die Tsipras-Regierung allein mit ihrem Versuch, das Zusammenwachsen der Völker auf unserem Kontinent rückgängig zu machen.

- Bericht S. 1, Politik S. 2


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