Nutzer fliehen vor dem Riesen

Facebook

Von Markus Engelhardt

Heute ist das Internet bunt, wo es nicht dunkel ist: Abgesehen von den oft kriminellen, zumindest aber schwer durchschaubaren Ecken des „Darknet“, wimmelt es geradezu vor Blogs und Bilderdiensten, vor Web-Foren und Videoportalen. Und vor sozialen Netzwerken.

Wobei: Was da wimmelt, tut dies zu Füßen eines Riesen. An Facebook (der Social-Media-Plattform) kommt praktisch niemand vorbei, dafür sorgt Facebook (das Unternehmen). Und wer das eine nicht selbst nutzt, kennt zumindest das andere aus häufig negativen Schlagzeilen.

Der Umgang mit privaten Daten der Nutzer scheint so entspannt wie jener mit Falschmeldungen oder digitaler Hetze. Anhaltende Kritik durch Politiker und Experten, aber immer häufiger auch durch Nutzer prallt dabei seit Jahren an Mark Zuckerbergs Netzwerk-Festung ab. Riesen schauen selten nach unten. Und der Gründer des Giganten lächelt medienwirksam alles weg.

Nun jedoch geht es ihm und seinem Unternehmen an die Substanz – nämlich ans Geld. Die Kunden laufen fort: Im vergangenen Jahr ließen in den Vereinigten Staaten 2,8 Millionen Facebook-Nutzer unter 25 Jahren ihren Account löschen. Das mag ein Tropfen auf den heißen Stein sein bei 2,34 Milliarden Usern weltweit, aber der tut weh. Wenn einem sozialen Netzwerk die Jugend davonrennt, verkürzt das seine Lebenserwartung. Und auch Riesen sind nicht unsterblich.

Die aktuellen Vorwürfe dürften diese Entwicklung noch beschleunigen: Das Unternehmen – ohnehin im Fokus der Justiz – soll in Verhandlungen mit großen Geldinstituten stehen und dabei seine eigene Währung ins Spiel gebracht haben: Daten und Kaufverhalten der Nutzer.

Bringt all das Facebook dazu, sein Geschäftsmodell zu überdenken? Oder zumindest transparent und überzeugend zu reagieren? „F steht für Fehler“, gesteht Zuckerbergs Firma immerhin in einer aktuellen Werbekampagne. Und außerdem unter anderem für „Fortschritt“, „Fotos“ und natürlich „Freunde“, heißt es dort weiter. Mehr als Anzeigen und Videos mit derlei Phrasen scheint den Netzwerk-Betreibern indes nicht einzufallen.

Ob Hass und Hetze, eine längst nicht mehr intuitive Bedienung oder das Fehlen eines aktiven Schutzes persönlicher Daten – als Nutzer bleibt einem allenfalls der Klick auf ein zorniges Emoji, um darauf Einfluss zu nehmen. Oder die Möglichkeit, dem Riesen den Rücken zu kehren statt ihm weiterhin den Bauch zu kraulen.

Die Bezeichnung „Netzwerk“ erscheint in diesem Zusammenhang tatsächlich so falsch wie das Adjektiv „sozial“. „F“ steht offensichtlich nicht für „Freiheit“, nur noch für „Finanzen“.


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Kommentare (1)
Wen jucken die paar Amis, die Facebook verlassen haben wenn die Nutzerzahlen weltweit steigen, die Gewinne explodieren und man mit Instagram das schnellst wachsende und unter jungen Menschen beliebteste Netzwerk mehr
besitzt?

(Anm. d. Red.: Wie im Kommentar erläutert, geht es nicht um die absoluten Zahlen, sondern um die Altersstruktur.)
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