Raus aufs Land!

Serie „Meine vier Wände“

Von Michael Klein

Die Deutschland-Karte auf der Seite „Blickpunkt“ zeigt sehr gut das Stadt-Land-Gefälle bei der Nachfrage nach Wohnraum. Während die Lage in Mittelhessen abgesehen von den Universitätsstädten weitgehend entspannt ist, ist sie etwa in Frankfurt sehr angespannt. Dort kann sich ein Haushalt mit durchschnittlichem Einkommen eine 64-Quadratmeter-Wohnung leisten – falls er sie bekommt. Im Bundesdurchschnitt sind es 77 Quadratmeter, was bedeutet: in manchen ländlichen Gebieten deutlich mehr. Schlimm ist die Lage auf dem Land im Osten Deutschlands: Dort geht die Nachfrage nach Wohnungen sogar zurück – es droht das Veröden ganzer Landstriche.

Es herrscht also unter dem Strich keineswegs Wohnungsnot in Deutschland, sondern nur an bestimmten Orten – die roten Punkte auf der Karte. Es sind zum einen die deutschen Großstädte, aber auch Universitätsstädte wie Gießen und Marburg. Das ist auch nicht weiter erstaunlich, denn in diesen Städten sind die (guten) Jobs beziehungsweise Studienplätze. Und darüber hinaus ist das Verkehrs-, Kultur-, Sport- und Freizeitangebot dort besser als in ländlichen Regionen – kein Wunder angesichts der Bevölkerungsdichte.

Es gibt unter den Großstädten regelrechte „In“-Städte – Köln und Berlin etwa. Da wollen alle hin und dann wollen sie auch noch möglichst viele Quadratmeter zu günstigen Preisen. Würde das klappen, wären die Gesetze des Marktes außer Kraft gesetzt. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Die Nachfrage zieht an und mit ihr tun es die Wohnungspreise. Und das lockt auch Anleger, die angesichts der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank auf Immobilien als Anlageobjekt ausweichen.

Es werden also nicht „die Wohnungen“ in Deutschland immer teurer, sondern Wohnungen in ganz bestimmten, äußerst gefragten Lagen. Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ hat ausgerechnet, dass die Deutschen im Schnitt nicht mehr Prozente ihres Einkommens für Wohnungen ausgeben also vor zehn Jahren – 2005 waren das 21,4 Prozent, 2012 waren es 22,6 Prozent und 2016 sank das Budget sogar wieder auf 21,2 Prozent.

Die Konsequenz aus der punktuellen Wohnungsnot kann für die Wohnungssuchenden nur sein: Raus aufs Land! Denn je höher dort die Bevölkerungsdichte ist, desto eher lohnen sich Investitionen in attraktive Freizeiteinrichtungen und einen attraktiven Bus- und Bahnverkehr. Und beim zweiten Hinsehen wird man feststellen, dass die besten Jobs nicht immer in der Mega-City sind, wo sich alle darum reißen.

Freilich dürfen Bund, Land und Kommunen die Menschen nicht alleine lassen. Sie können eine Menge dazu beitragen, dass Städte und Gemeinden zu Trend-Regionen werden. Doch oft verhindert auf kommunaler Ebene Kirchtum- und Konkurrenzdenken leicht erreichbare Fortschritte. Mit dem Motto „Jeder für sich“ muss ein für allemal Schluss sein.


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Kommentare (1)
"Es herrscht also unter dem Strich keineswegs Wohnungsnot in Deutschland, sondern nur an bestimmten Orten – die roten Punkte auf der Karte."

Sie treffen den Nagel auf den Kopf.

In der Stadt sollen die tatsächlichen mehr
Lebenshaltungskosten mit Hilfe einer Mietpreisbremse gedeckelt werden und auf dem Land stehen Immobilien leer und die Kosten der kommunalen Infrastruktur verteilt sich auf immer weniger Köpfe. Durch politische Maßnahmen soll das Leben in der Stadt verbilligt werden und auf dem Land bekommen Unternehmen trotz guter Vergütung nur schwer qualifizierte Mitarbeiter. Wer sich das Leben in der Stadt nicht leisten kann, der soll aufs Land ziehen. Dort werden Neubürger gerne gesehen.
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