Reformation - die ewige Aufgabe

Lutherjahr

Von Uwe Röndigs

Und wie das so ist mit den Jahrestagen, geht es schon gar nicht so sehr um die Historie an sich, sondern sie dient in erster Linie der Gegenwart als Anlass zur Selbstvergewisserung und Positionsbestimmung und vielleicht auch ein bisschen der Wichtigtuerei, weil mit dem Gewicht der Geschichte die heutige Bedeutung unterstrichen werden kann. Nichtsdestotrotz, Luther und seine Kirche – sie sind einen unverklärten Blick auf 500 Jahre Reformationsgeschichte und -gegenwart wert.

 

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Das große Erbe. Martin Luther ist oft missverstanden, ja benutzt worden. Von den Nationalisten des 19. Jahrhunderts als Nationalist. Von den Revolutionären des 20. Jahrhunderts als Revolutionär. Von den Reaktionären aller Zeiten als Reaktionär.

Das eigentliche Erbe Luthers ist ein geistiges und nicht weniger als die Abschaffung der Religion, die ja nur danach fragt, wie der Mensch sich seinen Himmel verdienen kann. Nirgendwo deutlicher ist die Eigenart seiner Thesen so genial zusammengefasst wie in den vier „soli“-Sätzen: solus christus – allein Christus, sola gratia – allein die Gnade, sola scriptura – allein die Schrift, und sola fide – allein der Glaube. Darauf gründet sich evangelischer Glaube.

Das ist die Sprengkraft an Luther: Er sieht den Menschen unabhängig und mündig; er gibt dem europäischen Individualismus Raum; er trennt Herrschaft und Gesellschaft; er stellt kirchliche Machtausübung infrage; und er erhebt die Schrift zur obersten Instanz und macht sie noch dazu mit seiner Übersetzung ins Deutsche allen Lesenden zugänglich.

Die vielen Ungereimtheiten, Widersprüche und intellektuellen Entgleisungen Luthers, seine Parteinahme gegen das Volk im Bauernkrieg, seine Judenfeindlichkeit – ja, sie sind und bleiben eine unglaubliche Herausforderung, sie tun dem großen Erbe aber keinen Abbruch.

 

Die große Wirkung. Luthers Kirche wirkt. Über 500 Jahre. Immer noch. Trotz der Tatsache, dass sich immer mehr Menschen hier nicht mehr zu Hause fühlen und der Kirche den Rücken kehren.

Vielleicht sind Krisenzeiten der richtige Gradmesser, um die Wirkung dieser Kirche wahrzunehmen.

Wer sich in den Ausstellungsräumen der Leipziger Nikolaikirche zum Beispiel die Dokumentation der Leipziger Montagsdemonstrationen aus der Wendezeit anschaut und sich erinnert an die Friedensgebete und die Konfrontation mit dem Stasi-Staat, wittert die Kraft von Kirche.

Wer mit den diakonischen Werken – von der Kinderbetreuung bis zu den Seniorenstiften – zu tun bekommt, wird über Namen wie etwa Johann Hinrich Wichern oder Friedrich von Bodelschwingh stolpern und wahrnehmen, wie diese Männer (und Frauen) Einrichtungen ins Leben riefen, die soziale Verantwortung dauerhaft sichern.

Und wer an das vergangene Jahr denkt mit der Herausforderung der Flüchtlingskrise, wird wahrnehmen, wie Helfer sehr oft auch aus kirchlichen Kreisen Bibeltexte rezitierten wie diesen: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten.“ Sie haben das christliche Abendland verteidigt in Zeiten, als es anstrengend wurde, nicht die Pegida-Schergen.

 

Die große Aufgabe. Mit dem Reformationsjubiläum will die Kirche sich und ihre Botschaft neu kenntlich machen. Und das ist auch notwendig, weil das Erbe und die Wirkung der evangelischen Kirche immer wieder neu erdacht, erstritten und erarbeitet werden müssen – und nur zu leicht in Vergessenheit geraten. „Ecclesia semper reformanda est“ – die Kirche bedarf der ständigen Erneuerung.

Dies wird wohl eher jenseits der großen Feierlichkeiten stattfinden. In den Ortsgemeinden, in den kirchlichen Kreisen. Dort, wo Kirche Gesichter hat und sich ihre Botschaft mit den Fragen der Menschen verbindet. Denn darauf kommt es wohl an: „Das größte Problem, das ich heute mit meiner Kirche habe, ist, dass sie mir nicht dabei hilft, zu glauben“, schreibt der Chefredakteur der „Zeit“, Giovanni di Lorenzo, in der jüngsten Ausgabe. Was könne die Kirche bieten angesichts bohrender Zweifel und langer Phasen der Abgewandtheit von trockenen Traditionen?

Man kann gespannt sein auf die Antworten, die Luthers Kirche 500 Jahre nach seinen Thesen von Wittenberg darauf entwickelt.


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