Rücktritt kommt vier Tage zu spät

Von Regina Tauer

Die offene Flanke Schavans war die Frage: Wie wird sich Angela Merkel positionieren? Ist eine angeschlagene Bundesbildungsministerin aus Sicht der Kanzlerin noch tragbar? 2013 ist nicht irgendein Jahr, es ist das Jahr, in dem Merkel eine Bundestagswahl gewinnen muss. Eine Hängepartie um die Zukunft einer Ministerin passt nicht in die Wahlkampfstrategie.

Schavan und Merkel sind eng befreundet, Vertraute, keine Parteifreundinnen. Um so erstaunlicher ist es, dass Merkel die Freundin nicht direkt nach dem Entzug des Doktortitels im vertraulichen Telefongespräch gebeten hat, den Rücktritt anzubieten. Auch wenn Schavan in Südafrika war und Merkel in Brüssel über den EU-Haushalt verhandelte, es ist schwer nachvollziehbar, dass sie in diesen Tagen keinen Kontakt hatten. Und selbst wenn: Schavan müsste die Kanzlerin gut genug kennen, um zu wissen, wann diese die Notbremse zieht. Ein prompter Rückzug vom Amt hätte Schavan davor bewahrt, in die Rolle der Getriebenen zu geraten. Der Satz in ihrer Rücktrittserklärung - "der heutige Tag ist der richtige Tag" - kommt vier Tage zu spät.

Schavan hat sich mit ihrem Zögern selbst geschadet. Ihre eigenen, vor zwei Jahren gegen den Plagiator Karl Theodor zu Guttenberg geschleuderten Worte "Ich schäme mich nicht nur heimlich", holten sie nun ein. Immer mehr rückten in den vergangenen Tagen von ihr ab, auch Hochschulrektoren, die die Arbeit der Wissenschaftsministerin schätzten.

Das ist die Tragik im Fall der Annette Schavan. Ihre Arbeit als Ministerin war untadelig, frei von Selbstdarstellerei, dem Ziel verpflichtet, den Ruf des Wissenschaftsstandorts Deutschland zu stärken. Tragisch ist, dass Schavan einem Politikertypus entspricht, der nicht viel Aufhebens um die eigene Person macht. Das hat dazu geführt, dass ihr Name einem breiten Publikum erst bekannt wurde, als sie in die Strudel der Plagiatsaffäre geriet.


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