Schicksalstag 16. März

Von Regina Tauer

Der 16. März 2014 droht zum Stolperstein bei den Bemühungen zu werden, die Krise in der Ukraine friedlich beizulegen. Wenn die Krim-Bewohner sich von der Ukraine lossagen und die Aufnahme in die Russische Föderation anstreben sollten - und vieles deutet darauf hin - wird dies den Zerfall des zweitgrößten europäischen Staates einleiten. Es wird für die Ukraine nicht beim Verlust der Krim bleiben.

Wenn Russland die Krim annektiert, dann wird sich die Unversöhnlichkeit der politischen und ethnischen Lager in der Ukraine weiter vergrößern. Die Gräben zwischen denen, die die Annäherung an die EU wollen, und den Russland Zugeneigten werden tiefer - unüberbrückbar. Schon heute herrscht auf beiden Seiten eine aufgeheizte nationalistische Stimmung vor. Sie werfen sich gegenseitig vor, das Land spalten zu wollen. Bis zu gewalttätigen Übergriffen ist es dann nur noch ein kurzer Weg. Darauf zu vertrauen, dass Ukrainer und Russen in der Vergangenheit jahrzehntelang friedlich zusammen lebten und sich als Bürger eines Landes betrachteten, wäre blauäugig. Der Kitt des Zusammenhalts wird schnell brüchig. Die historische Erfahrung, etwa im zerfallenden Jugoslawien vor 20 Jahren, spricht eine andere Sprache: Über Nacht wurden aus Nachbarn Feinde. Ein blutiger Bürgerkrieg, in dem vor allem die Zivilbevölkerung litt, trat an die Stelle vermeintlich guten Zusammenlebens.

Wenn die Krim wegfällt, dann steckt der Spaltpilz in der Ukraine. Mit allen Unwägbarkeiten, was die Rolle Russlands angeht. Putin lässt sich die Möglichkeit offen, zugunsten der Russen einzugreifen. Nicht als Aggressor, sondern als der große Bruder, der den bedrängten Landsleuten zur Hilfe eilt. In Russland wäre ihm dafür Beifall gewiss. Putins Säbelrasseln ist auch ein Signal nach innen - Imperialismus alter Schule.

Der 16. März besitzt eine schicksalshafte Bedeutung für den Ausgang der Ukraine-Krise und für die internationalen Beziehungen. Die Hoffnung schwindet, dass sich in den wenigen verbleibenden Tagen Besonnenheit durchsetzt. Auf die westliche Ankündigung von Sanktionen antwortet Russlands Präsident mit Vergeltungsdrohungen. Die Spirale dreht sich. Die Chancen stehen schlecht, dass die Diplomaten den Wettlauf mit der Zeit doch noch gewinnen.


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