Steinbrück spricht - zu hören ist Nahles

Von Mika Beuster

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück feuert nun seinen Sprecher. Er soll nicht das vermittelt haben, was der Kandidat eigentlich gemeint haben soll, so der Vorwurf. Das Pleiten-, Pech- und Pannenimage Steinbrücks soll also ein Missverständnis sein. Schuldig im Sinne der Anklage ist nun der, der dem Kandidat Stimme verleiht und Gehör verschaffen soll.

Die Debatte um das scheinbar zu niedrige Kanzlergehalt etwa liegt Steinbrück noch schwer im Magen. Mag sein, dass Ex-Sprecher Michael Donnermeyer nur den Schwarzen Peter zugeschoben bekommen hat. Vielleicht aber hat er wirklich die Dimension, die Debatten bisweilen in den Medien bekommen, unterschätzt. Egal. Denn dem passioniertem Schachspieler Steinbrück ist das Prinzip des Bauernopfers selbstverständlich bekannt.

Dass ausgerechnet Donnermeyer - dem ein tadelloser Ruf als äußerst fähigen Kommunikations-Profi vorauseilt und der schon Gerhard Schröder diente - gehen muss, verstärkt den Eindruck, dass es sich genau darum handelt.

Steinbrück hat in der Tat zu einem normalerweise wirkungsvollen Schachzug gegriffen: Das Bauernopfer soll ablenken davon, dass die SPD keine richtige Kommunikationsstrategie besitzt. Doch die Sprachlosigkeit der Wahlkampagne ist nicht Schuld des Sprechers. Sie zeigt vielmehr: Die SPD hat nicht nur keine Kommunikationsstrategie, sie hat überhaupt keine Wahlkampfstrategie.

Peer Steinbrück wäre ein guter Kanzler - aber er ist ein miserabler Kanzlerkandidat. Dieses Bild verfestigt sich in der Öffentlichkeit. Eine Mehrheit der Deutschen traut dem Polit-Haudegen das Kanzleramt durchaus zu. Aber ein ungeklärter Konflikt zwischen Kandidat, Basis und Partei lähmt Kandidaten und Kampagne. Und das ausgerechnet im Jahr des 150. Bestehens

"Ihr müsst dem Kandidaten an der einen oder anderen Stelle auch etwas Beinfreiheit lassen", mahnte Steinbrück seine Genossen nach der Nominierung.

Doch anstatt Beinfreiheit zu bekommen, wurde er regelrecht von den Parteigremien und dem linken Parteiflügel stranguliert. Nun wirkt Steinbrück wie in einem schlecht synchronisiertem Film. Gesicht und Stimme passen nicht zueinander. Das was Steinbrück derzeit sagt, ist nicht das, was Steinbrück meint. Es ist das, was die SPD-Linke von Steinbrück hören will.

Die Worte des Kandidaten klingen nicht mehr überzeugend. Wenn Steinbrück den Mund aufmacht, hört man Andrea Nahles sprechen.

Steinbrück wollte mit Ecken und Kanten gegen eine konturlos wirkende Regierung punkten. Seine Strategie: "Die Wahrheit" unverblümt sagen, auch wenn sie nicht mit dem Parteiprogramm in Einklang zu bringen ist. Es ist wohl der einzige Weg, gegen eine CDU Kampagne zu machen, die immer sozialdemokratischer wird.

Doch dieser Weg lässt sich mit der SPD offensichtlich nicht beschreiten. Die Sozialdemokraten hatten zwar den Mut, einen Kandidaten mit Ecken und Kanten zu küren. Aber dann verließ sie der Mut ganz schnell, nachdem es zu ersten kritischen Reaktionen auf die unbequeme Art des Kandidaten kam. Anstatt ihn - etwa in der medial hitzig geführten Debatte um das Kanzlergehalt - zu stützen, fielen ihm die eigenen Genossen flugs in den Rücken.

Die Opposition kann sich derweil genüsslich zurücklehnen und beobachten, wie sich das Team von Steinbrück (eher dem pragmatischen Flügel der SPD angehörend) mit dem von SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles (führende Stimme des linken Flügels) im Willy-Brandt-Haus bekämpft. Heraus kommen zahlreiche verletzte Egos, aber kaum nutzbarer Wahlkampfwert. Böse Zungen behaupten gar, dass Nahles gar kein Interesse daran habe, dass Steinbrück gewinnt. Bei einer verlorenen Bundestagswahl könnte sie dem Kandidaten und seinem "rechten" Programm die Schuld geben und sich selber als neue Kanzlerkandidatin aufschwingen.

Die Basis freilich verliert die Geduld mit beiden, Partei und Kandidat. Und zu befürchten ist, dass sie resigniert und der Wahlurne fern bleiben wird.

Im Jubiläumsjahr steht die SPD vor einer Niederlage, die viele Anhänger sprachlos zurücklassen wird. Und man fragt sich, ob es die SPD noch rechtzeitig schafft, sich mit einer starken Stimme bei den Wählern Gehör zu verschaffen. Einem neuen Sprecher alleine wird das nicht gelingen.

Berichte zu diesem Kommentar finden Sie in der Printausgabe vom Dienstag, 11. Juni.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2013
Kommentare (0)
Mehr aus Standpunkte Hessen und Welt