Stoppt das sinnlose Töten!

MEINUNG Ein Freund stirbt beim Abschuss / Deutschland trägt Verantwortung

Laurens van der Graff (rechts), der an Bord von Flug MH17 nach Kuala Lumpur ums Leben kam mit Mika Beuster, Nachrichtenredakteur dieser Zeitung (Foto: Beuster)

Seit Samstag weiß ich, dass mein Freund Laurens van der Graaff, ein 30-jähriger Lehrer aus den Niederlanden, zusammen mit seiner Freundin Karlijn Keijzer (25) an Bord der in der Ostukraine abgeschossenen Maschine Malaysian Airlines MH 17 war. Über Kuala Lumpur sollte es weiter nach Indonesien gehen. Beide sind tot. Nach qualvoller Zeit des Bangens, vor allem für die Familien aller Passagiere, darunter etwa 80 Kinder, gibt es für Angehörige und Freunde keine Hoffnung mehr, dass irgend ein Passagier überlebt haben könnte.

Werte wie Toleranz, Akzeptanz, Respekt und Würde

Laurens war leidenschaftlicher Lehrer. Mehrfach sagte er, dass er nicht werden wollte wie seine Eltern - überarbeitet, ein zu geringes Einkommen und ständig das Schicksal von Schülern diskutierend. Er tat alles, um nicht in ihre Fußstapfen zu treten. Er träumte viel mehr von einem Leben als Reporter. Laurens studierte Politikwissenschaft und niederländische Literatur - er arbeitete neben seinem Studium als Journalist, schrieb Aufsätze über die Bewegung des Rechtspopulisten Gerd Wilders, engagierte sich bei einem Radiosender. Doch schließlich kam er durch Zufall doch in einen Klassenraum - und blieb. Ich durfte miterleben, mit welchem Einfühlungsvermögen er mit Jugendlichen arbeitete, welchen Respekt er genoss, wie viel Freude er beim Lernen vermittelte. Laurens verbrachte - genauso wie ich - ein Jahr als Austauschschüler an einer amerikanischen Highschool.

Dieses Erlebnis prägte uns beide, und so lernten wir uns auch kennen. Gemeinsam haben Laurens und ich seit einigen Jahren Seminare mitgestaltet, in denen wir europäischen Austauschschülern die Grundlagen vermitteln wollten, wie man sich in fremden Kulturen zurechtfindet. Werte wie Toleranz, Akzeptanz, gegenseitiger Respekt und die Würde der anderen achten waren für Laurens nicht nur Lehrinhalte, er lebte sie.

Wer auch immer für den Massenmord an den 298 Passagieren des Fluges verantwortlich ist: Es wird immer klarer, dass die pro-russischen Separatisten diese Werte - ich muss leider sagen wortwörtlich - mit Füßen treten.

Die Bilder die uns von der Absturzstelle erreichen, maskierte Machos, die machttrunken mit Kalaschnikows vor der Weltpresse posieren, durch die Trümmerwüste der Absturzstelle stapfen als wäre es eine Siegesfeier und sich aufführen wie Schlägertypen, die gerade einen Schulhofkampf gewonnen haben; die es zulassen, dass Plünderer durch das Gepäck wühlen und Beweismittel verschwinden, die die Arbeit unabhängiger Ermittler behindern und die die Leichen der Opfer in der Sommerhitze verwesen lassen - sie treten die Menschenwürde mit ihren Füßen.

Es geht mir nicht um die Frage, wer im Konflikt um die Spaltung der Ukraine Recht hat, es geht nicht um die Frage, ob pro-russische Separatisten Gewalt anwenden dürfen, um ihre nationalen Ziele gegenüber der verhassten Regierung in Kiew zu erreichen. Es geht darum, dass Grenzen überschritten wurden. Es lässt sich nicht mehr rückgängig machen, dass ein Passagierflugzeug mit 298 Unschuldigen an Bord abgeschossen wurde. Aber jeder anständig handelnde Mensch müsste - egal auf welcher Seite des Konflikts er steht - nun innehalten und dafür sorgen, dass wenigstens die Leichen der Opfer identifiziert werden können und in ihre Heimat überführt werden. Eltern, Kinder, Angehörige und Freunde wünschen sich im Augenblick nichts mehr, als in Frieden Abschied nehmen zu können.

Wir schauen fassungslos zu - und lassen geschehen.

Es mag meine eigene, subjektive und plötzliche Betroffenheit sein - und mein Urteilsvermögen in dieser Angelegenheit nicht mehr das eines nüchternen und objektiven Beobachters. Aber ich finde es unerträglich, wie die europäischen Regierungen - auch die deutsche - mit dieser menschlichen Tragödie umgehen.

Gernot Erler (SPD), Russland-Koordinator der Bundesregierung, mahnte am Sonntagabend im "heute Journal" an, vor allem Russland habe nun Verantwortung - Deutschland wolle vor allem mahnend wirken. Ein Satz, der mich wütend macht. Immerhin vier deutsche Bürger waren an Bord, Deutschland ist - ob es will oder nicht - betroffen.

Schon zuvor waren von den pro-russischen Separatisten deutsche Soldaten, die als OSZE-Beobachter im Land waren, entführt worden.

Der ferne Konflikt - er ist näher als uns allen lieb ist. Deutschland trägt Verantwortung, diese lässt sich nicht wegdelegieren.

Lautet der erste Artikel im Grundgesetz nicht: "Die Würde des Menschen ist unantastbar"? Gilt dieser Artikel nicht für alle Menschen? Ist dieser Grundsatz, der aus den bitteren Erfahrungen der deutschen Geschichte heraus erwachsen ist, nicht Verpflichtung, die Menschenwürde auch zu verteidigen? Ist Mahnen alleine nicht eine schwache Reaktion auf eine solche brutale Vergewaltigung der Menschenwürde?

Wie würden Lehrer reagieren, wenn mehrere Jungs schwächere Schüler prügeln?

Ich frage mich, wie würden Lehrer auf einem Schulhof reagieren, wenn mehrere Jungs schwächere Schüler brutal niederprügelte. Würde die Pausenaufsicht nur an den Rädelsführer appellieren, das in Zukunft sein zu lassen? Oder würde man nicht erwarten, dass er für die Schwächeren auch schützend eingreifen würde und die Gewalt beendet?

Am 20. Juli haben die Deutschen zu Recht des mutigen aber gescheiterten Attentats der Gruppe um von Stauffenberg auf den Diktator Hitler gedacht. Es ist etwas, auf dass wir als Deutsche zu Recht stolz sein können. Es gab Menschen, die versuchten, Unrecht zu verhindern.

Vielleicht ist das Grundgesetz und die deutsche Geschichte vor diesem Hintergrund auch als Verpflichtung zu sehen, nicht tatenlos zuzusehen, wie mitten in Europa unschuldige Menschen ermordet werden.

Ja, wir haben ein Problem: Vielleicht ist es an der Zeit zusammen mit den europäischen Partnern und Freunden eine militärische Option auszuarbeiten, um die Gewalt vor unserer Haustüre zu stoppen.

Nicht, um in ein militärisches Abenteuer zu stolpern. Sondern um deutlich zu machen: Wenn wir gezwungen werden, können wir eingreifen.

Wenn Politiker und Hasardeure in Kiew und Donezk ihre nationalen Egoismen bislang ungehindert ausleben, dann muss Europa ein starkes Stoppzeichen setzen.

Warum beteiligen wir die Vereinten Nationen nicht stärker? Wurde die UN nicht gegründet, um eben solche Situationen zu entschärfen? Weil die Weltgemeinschaft gemeinsam handelt, um Unrecht zu stoppen, Gewalt nicht eskalieren zu lassen. Können wir wirklich nicht den politischen Druck erhöhen? Es ist wie auf dem Schulhof: Wenn alle Appelle und Warnungen nicht greifen, muss das Recht zur Not mit Druck aufrechterhalten werden. Vorher sollten alle friedlichen Mittel ausgeschöpft werden.

Vielleicht lassen sich die pro-russischen Separatisten zum Frieden bewegen, wenn der Westen den Druck auf Moskau drastisch erhöht, dass es eine gemeinsame, international akzeptierte Lösung gibt.

Die jetzige Haltung der Bundesregierung - abwarten, mahnen, zuschauen - ist zu zögernd. Es ist an der Zeit, mehr gegen das sinnlose Sterben mitten in Europa zu tun.

Sind die derzeitigen Sanktionen gegen Russland so löchrig und wirkungslos, weil es dem Westen am Ende mehr um gute Geschäfte mit Russland geht? Es wäre schäbig, wenn das die Antwort wäre.

Als ich Laurens das letzte Mal gesehen habe, tranken wir beide je eine Flasche Heineken - holländisches Bier. Mit einem Grinsen berichtete Laurens, dass er ein Roman-Projekt anfangen wollte. Bei seinen vielen Reisen erlebte er schließlich genug, das sich auch niederschreiben lassen konnte. Er liebte es, im Mittelpunkt zu sein und es war schwer ihn nicht zu mögen.

Es wäre tragisch, wenn sein sinnloser Tod - und der der 297 anderen Menschen an Bord des Flugzeugs - nicht dazu führen würde, Menschen in ganz Europa auf das Schicksal der Ukraine aufmerksam zu machen und sich für einen schnellstmöglichen Frieden einzusetzen um weiteres, sinnloses Leid zu verhindern.

- Standpunkt


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