Trittin hat zu spät reagiert

Von Mika Beuster

Zu viele Pannen hat es bislang im Wahlkampf gegeben, als dass diese einer Person alleine zugerechnet werden könnten. So befragte die Parteiführung etwa die Mitglieder danach, welche Themen Priorität genießen sollten, um diese Liste dann gänzlich zu ignorieren und einen Wahlkampf rund um das unbeliebte Thema Steuern zu führen. Danach besaß sie dann zusätzlich zu wenig politischen Instinkt, um rechtzeitig zu merken, dass die Grünen vor allem als Steuererhöhungspartei wahrgenommen werden. Schon dort hätte Jürgen Trittin beweisen können, dass er Führungsqualitäten besitzt. Er hätte seinen persönlichen Ehrgeiz, sich in Finanzfragen zu profilieren, zurückschrauben müssen und so der Partei einen Gefallen getan. Aber sein Umgang mit der Pädophilie-Debatte zeigt, dass Trittin im Augenblick genau dieses Gespür verloren hat.

Es ist sicherlich anhand des derzeitigen Kenntnisstandes schwierig zu beurteilen, inwieweit er tatsächlich Verantwortung trug für Tendenzen in der Partei, Sex mit Kindern zu verharmlosen oder gar legalisieren zu wollen. Jenseits allen Wahlkampfgetöses sollte die Stimme des Urhebers der Studie, die derzeit die Verwicklung der Grünen in die Pädophilie-Bewegung untersucht, nicht untergehen - Professor Franz Walter spricht von einem recht "hysterischen" Debatten-Verlauf.

Aber ein Vollblut-Politiker wie Trittin hätte diese Hysterie kommen sehen - und früher reagieren müssen. Die Grünen-Spitze hätte sich nicht hinter der Beauftragung einer wissenschaftlichen Studie verschanzen sollen - sondern selber mit zur Aufklärung beitragen müssen. Zu viele schockierende Fälle waren mittlerweile ans Tageslicht gekommen, hier wäre mehr Engagement nötig gewesen, als zwei Wissenschaftler zu beauftragen.

Vielleicht hätte so auch vermieden werden können, dass das Thema nun wenige Tage vor der Bundestagswahl so hysterisch verhandelt wird. Denn ein hitziger Wahlkampf-Schlagabtausch wird keinem Gerecht, weder Jürgen Trittin noch den Grünen - und am allerwenigsten den Opfern.

Diese haben nämlich Anspruch auf eine öffentliche, sorgfältige und ausgewogene Aufklärung. Dass das Thema, das ihr Leben so nachhaltig geprägt hat, nun von vielen Parteien im Zuge der Wahl instrumentalisiert wird, hat etwas Unwürdiges. Man kann nur hoffen, dass die Öffentlichkeit die Aufklärungsarbeit auch nach der Bundestagswahl mit ähnlich kritischer Aufmerksamkeit begleitet.

Für Jürgen Trittin steht allerdings schon vorher ein Urteil fest - unabhängig davon, wie groß sein persönlicher Anteil am Pädophilie-Kurs der Partei nun wirklich war: Sein Krisenmanagement hat versagt, er hat zu spät gehandelt und sich erst öffentlich erklärt, als er keine andere Wahl mehr hatte. Damit hat er sich und seinen Minister-Ambitionen, seiner Partei - und den Opfern von sexuellem Missbrauch - keinen Gefallen getan.

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