Über den Tellerrand

VON MICHAEL KLEIN

Längst haben die Bürger die von Union und SPD im Bund sowie von Union und Grünen in Hessen geschnürten Päckchen geöffnet und waren wie beim echten Weihnachtsgeschenk erfreut oder enttäuscht über den Inhalt. In jedem Fall ist in unserem Bundesland die Überraschung gelungen, die bei Geschenken ja schon die halbe Miete ist.

Wer hätte das vor der Wahl am 22. September für möglich gehalten - Volker Bouffier und Tarek Al-Wazir in einer gemeinsamen Regierung? War es die Vorweihnachsstimmung, die aus politischen Gegnern politische Freunde machte? Und wie war das noch in Berlin vor der Wahl mit Union und SPD? Auch die hatten sich im gegenseitigen Lagerwahlkampf verfangen, bevor sie nun zu einer gemeinsamen Regierung zusammenfanden.

Die Tinte unter den Koalitionsverträgen ist noch nicht trocken, da beginnt ein hierzulande gern geübtes Ritual: Die Linke und die Grünen im Reichstag lassen kein gutes Haar an den Plänen der schwarz-roten Bundesregierung - solange, bis einer von ihnen mit einem der anderen eines Tages in der Regierung sitzt.

Und so geht es munter weiter - und so ist es auch gut. Denn was mancher als Showkampf abtut, ist in Wirklichkeit ein gutes Zeichen für den Reifegrad unserer Demokratie: Die Parteien des demokratischen Spektrums - also nicht die Rechts- und die Linksextremisten - sind trotz unterschiedlicher Wurzeln, Milieus und Inhalte in der Lage, Kompromisse zu schließen.

Schauen wir zu Weihnachten einmal nicht nur auf den reichlich gefüllten Teller mit Weihnachtsplätzchen vor uns. Schauen wir einmal über den Tellerrand hinaus. Und da sehen wir ganz schnell Politiker, die keine Kompromisse schließen können wie jene in Berlin und Wiesbaden. Als erstes kommt der russische Machthaber ins Blickfeld, der zu Weihnachten einige politische Gefangene freilässt, andere aber weiter für nicht begangene Taten in erbärmliche Gefängnisse sperrt. Wir sehen einen selbstherrlichen Despoten, der sich nicht um den Rechtsstaat schert, wie er für uns selbstverständlich ist. Und wir sehen in allen Ecken der Welt, wie Menschen unter Diktatoren leiden, wie sie gedemütigt und gequält werden, manche ein ganzes Leben lang. Ob in Nordkorea, in Syrien oder in Weißrussland.

In 47 von 193 Ländern der Erde leben die Menschen unfrei - sie sind also täglich Willkür und Gewalt ausgesetzt. Und in weiteren 58 Staaten können sich die Menschen nur zum Teil frei entfalten. Mit anderen Worten: In weniger als der Hälfte der Länder unserer Erde herrscht eine Freiheit, die mit der hierzulande vergleichbar ist.

Daran zu denken, ist nicht nur zur Weihnachtszeit hilfreich. Denn es relativiert manches "Problem", das der eine oder die andere mit den Inhalten der schwarz-roten oder schwarz-grünen Weihnachtspäckchen hat. Und es könnte an diesen Tagen der Hoffnung für die Welt das Herz öffnen für jene Menschen, denen der Bundespräsident in seiner Weihnachtsansprache eine Stimme gibt. Wer seine Heimat verlässt, tut dies, um Verfolgung und Armut zu entkommen, nicht um es sich hierzulande bequem zu machen, hat Joachim Gauck gesagt.

Beim Blick über den Tellerrand werden wir sehen, dass Gauck Recht hat. Wenn nicht zu Weihnachten, wann dann sollten wir unser Herz für Mitmenschen in Not öffnen?


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