Überzeugen ist besser als Pflicht

Von Mika Beuster

Wenn Sie ins Auto steigen, legen Sie bestimmt einen Gurt an. Warum? Fürchten Sie die 30 Euro Bußgeld - oder fühlen Sie sich einfach sicherer mit Gurt? Die meisten werden antworten, dass Fahren mit Gurt sicherer ist. Seit 1976 gibt es in Deutschland den Zwang zur Gurtbenutzung, aber die meisten Autofahrer tragen ihn wohl aus Überzeugung. Zu viele Studien haben seit der Einführung der Gurtpflicht bewiesen, dass im Zweifelsfall das Stück Stoff lebensrettend sein kann. Um so drastischer schreibt der Gesetzgeber vor, Kinder mit "Rückhaltesystemen" zu schützen. Werden sie ungesichert im Auto mitgenommen, drohen gar Punkte im Flensburg.

Es ist eine Form von Zwang, die der Staat da ausübt. Es ist ein Eingriff in die Freiheit der Menschen - die Freiheit ohne Gurt fahren zu können, die Kinder nicht anzuschnallen. Aber es ist gut so - die Gurtpflicht schadet kaum, es ist ein geringfügiger Eingriff in Freiheit, aber einer, der im Zweifel Leben rettet. Die Pflicht war der Anstoß, entscheidend für die Akzeptanz des Gurtes letztlich aber die Aufklärungsarbeit.

Genauso verhält es sich mit der Masern-Impfung. Ein Zwang dazu wäre ein Eingriff in die Freiheit der Menschen, sich gegen eine Impfung zu entscheiden. Oder sogar dagegen, seine Kinder zu impfen. Warum also soll dieser Eingriff erfolgen? Weil er Leben retten kann. Auf dem amerikanischen Kontinent etwa sind die Masern durch Impfprogramme geradezu ausgelöscht. Wenn es einmal Krankheitsausbrüche gibt, so wird die grässliche Krankheit importiert.

Eine Impf-Pflicht könnte auch in Deutschland Leben retten, nämlich vor allem das Leben der Kinder, die noch zu jung sind, geimpft zu werden. Mediziner sind sich einig: Die möglichen Nebenwirkungen einer Impfung sind wesentlich geringer zu bewerten, als deren Nutzen. Doch es ist ein sensibles Thema - Impfgegner werden auf einen Zwang sehr empfindlich reagieren und ihre Ablehnung wird sich wohl verfestigen. Gesundheitsvorsorge durch staatlichen Zwang: Sie muss die Ausnahme bleiben, sie kann nur in wenigen Fällen erfolgreich sein.

Viel sinnvoller wäre es, wie beim Sicherheitsgurt zu verfahren. Aufklärung statt purem Zwang, Überzeugen statt Pflicht. Ein Problem ist nämlich: Viele Menschen, die einer Impfung offen gegenüberstehen, wissen gar nicht, dass sie nicht mehr geschützt sind. Bei ihnen bedarf es gar keiner Pflicht, sondern nur der Aufklärung und einer Erinnerung. Es wäre nicht klug, jetzt gehetzt ein Gesetz einzuführen. Es könnte das Gegenteil von dem bewirken, was es erreichen will. Angst machen, reflexartige Kampagnen gegen staatlichen Zwang aufbeschwören. Besser wäre es, auf die Faktenlage aufmerksam zu machen. Etwa, indem die Menschen routinemäßig von ihrer Krankenversicherung oder dem Arzt darauf angesprochen würden, ihren Impfstatus zu überprüfen. Die Fakten sprechen ebenso für eine Impfung, wie für das Tragen eines Sicherheitsgurtes.

Eine mögliche gesetzliche Pflicht darf daher nur als Auffangnetz dienen - und sie darf nicht verschrecken. Aufklärung muss im Vordergrund stehen.


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